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Ein irdischer Gottesstaat? | Tilman Röhrig: Wir sind das Salz von Florenz

Savonarola gegen die Wiege der Renaissance

Der Artikel kommt reichlich spät und schafft es gerade noch in den April – ich hatte großen Spaß an der ausführlichen Beschäftigung mit dem Thema, nicht zuletzt, weil es sich auf brandaktuelle Probleme unserer Zeit übertragen lässt und damit zum Nachdenken anregt. Wahrscheinlich ist der Beitrag deshalb so lang geworden… Viel Vergnügen!

Ein junger Mann, intelligent und gebildet, entschließt sich, der Welt zu entsagen. Eine florierende Stadt in der Toskana, die kluge Köpfe und fantastische Kunstwerke hervorgebracht hat, entschließt sich, ihm zu folgen. Am Ende des 15. Jahrhunderts schwingt sich Girolamo Savonarola vom einfachen Mönch zum Propheten auf – mit weitreichenden Folgen für Florenz, das plötzlich in zwei Lager gespalten ist. Mit einem Fuß im Mittelalter, mit dem anderen in der Neuzeit, müssen die Bewohner der Stadt ihre Werte neu verhandeln.

Das Florenz der Medici

Die Stadt am Arno war zwar eine Republik, wurde aber von der Macht des Geldes gelenkt. Seit den 1430ern waren die Medici die inoffiziellen Stadtherren, die sich durch eine geschickte Klientel- und Netzwerkpolitik und durch die europaweit verzweigten Bankgeschäfte Ansehen und Einfluss gesichert hatte.1

Panoramabild von Florenz

Florenz – eine wunderschöne Stadt, die an allen Ecken und Enden von ihrer Geschichte durchdrungen ist…

(Bildquelle2)

Lorenzo de Medici schließlich, genannt „der Prächtige“, steht gleichzeitig für das goldene Zeitalter der Stadt und markiert dessen Ende.3 Zwischen 1469 und 1492 stand er an der Spitze von Florenz und förderte nebenbei die Künste und die humanistische Philosophie. Er wurde nicht nur für sein diplomatisches Geschick in der inneren und äußeren Politik geschätzt4, sondern auch dafür, als Gönner einiger der größten Namen der Renaissance aufzutreten, von Botticelli über Michelangelo bis hin zu Leonardo da Vinci. Hinter diesem Mäzenatentum steckte Kalkül, denn die Medici waren Meister der Propaganda. Probleme wurden dadurch kaschiert und das schmeichelhafte Bild gepflegt. So konnte Lorenzo wie ein Fürst schalten und walten, ohne ein offizielles Amt zu bekleiden.5

Büste Lorenzos de Medici

Eine zeitgenössische Büste zeigt Lorenzo den Prächtigen, unter dessen Ägide die Kunstproduktion in Florenz florierte.

(Bildquelle6)

Aus dem Mittelalter in eine neue Zeit?

Die erste Blütezeit der Medici deckt sich ungefähr mit der Renaissance, die man grob zwischen 1430 und 1560 ansiedeln kann und die oft als „Wiedergeburt“ der Antike im Sinne des klassischen Altertums verstanden wird.7 Kennzeichnend war eine verstärkte Rezeption der alten Philosophen und ein mehr auf das Individuum fokussiertes Menschenbild.8 Die offenere Gedankenwelt, die gerade in Italien durch ein neues bürgerliches und städtisches Selbstverständnis geprägt war9, zeigte sich besonders in den bahnbrechenden Entwicklungen der Kunst, die eine neue Beschäftigung mit dem Ich und dem Menschen eröffneten.

Der virtruvianische Mensch von Leonardo Da Vinci

Der Mensch im Zentrum. Die auf den antiken Theoretiker Vitruv zurückgehende Proportionsskizze von Leonardo da Vinci versinnbildlicht die Ideenwelt der Renaissance.

(Bildquelle10)

So markiert die Renaissace den Aufbruch in die Neuzeit, der Bruch war jedoch nicht so total, wie man im Nachhinein gerne behauptet. Die meisten der Neuerungen bauten direkt auf Traditionen des angeblich finsteren Mittelalters auf, und der geistige Horizont der Menschen erweiterte sich langsam und kontinuierlich, gemeinsam mit den Innovationen der Wissenschaft, Kunst und Kultur.11 Wie ambivalent die Geisteshaltungen in der Renaissance sein konnten, zeigt der Aufstieg Savonarolas, der es vermochte, Florenz nach dem Tod Lorenzos des Prächtigen ins Chaos zu stürzen.

Ein junger Mann nimmt Abschied von der Welt

Girolamo Savonarola von Fra Bartolomeo

Ein idealisiertes Bildnis von Girolamo Savonarola.

(Bildquelle12)

Die Geschichte von Girolamo Savonarola begann am 21. September 1452 in Ferrara, wo er als dritter Sohn eines angesehenen Arztes geboren wurde.13 Er erfuhr eine klassische humanistische Bildung und befasste sich sowohl mit antiken Autoren als auch theologischen Schriften, beispielsweise Thomas von Aquins, außerdem spielte er Laute und verfasste eigene Gedichte.14 Gleichzeitig reifte wohl in jungen Jahren bereits die Überzeugung in ihm heran, die Welt sei der Verderbtheit anheim gefallen – möglicherweise beeinflusst von seinem Großvater, der eine besondere Abneigung gegen den luxuriösen und von Ausschweifungen geprägten Hof der Estes in Ferrara hegte.15

In einer frühen Biographie ist eine Anekdote aus dem Jahr 1470 überliefert. Im Nachbarhaus in Ferrara lebte demnach eine Laodomia Strozzi, die uneheliche Tochter eines aus Florenz vertriebenen Aristokraten. Der achtzehnjährige Savonarola soll sich ehrlich um sie bemüht haben, sie aber lehnte seinen aufrichtigen Heiratsantrag auf arrogante und hochnäsige Weise ab.16 Mit Sicherheit darf diese nur skizzenhaft bekannte Episode nicht überbewertet werden, es ist jedoch denkbar, dass diese rüde Zurückweisung ein Mitauslöser für die spirituelle Krise gewesen sein könnte, die bewirkte, dass sich der junge Mann nur auf die Liebe Gottes ausrichten und der Welt entsagen wollte.17

Palazzo Strozzi in Florenz

Der Palazzo Strozzi, ein Beispiel für die Renaissancearchitektur, in Florenz von Verwandten der Laodomia Strozzi errichtet.

(Bildquelle18)

Nachdem er bereits 1474 ein Berufungserlebnis gehabt haben wollte, verlegte sich Savonarola auf eine asketische Lebensführung, sehr zum Unverständnis seines Vaters, der für den gebildeten Sohn ehrgeizige Karrierepläne gehegt hatte. Am 24. April 1475 nutze der junge Girolamo wohl den Trubel beim Jahresfest des heiligen Georgs, um ohne einen Abschied von seiner Familie in Richtung Bologna zu fliehen und dort in ein Dominikanerkloster einzutreten.19 In einem rechtfertigenden Brief an den Vater bezeichnet er sich als Soldat und Ritter, der einem von Gott aufgezeigtem Weg folge. Nachdem seine Familie aus ihm einen „Arzt des Leibes“ habe machen wollen, wolle Gott ihn stattdessen zu einem „Seelenarzt“ machen.20

Aufstieg in höhere Sphären

Savonarola unterwarf sich der strengen Ordensdisziplin im Kloster, ließ sich wohl absichtlich die niedrigsten Aufgaben zuteilen. Er sah sich als „Soldat der Miliz Christi“21 und besann sich auf Bescheidenheit – gleichzeitig zeichnete er sich in seinen Studien aus, wurde 1477 zum Diakon geweiht und wechselte 1479 als Novizenmeister an die Theologische Fakultät von Ferrara.22

1482 beeindruckte er in einer Disputation die Anwesenden so sehr, dass er als Lektor in den Konvent San Marco in Florenz gerufen wurde. Das Kloster war zwar ein „lebendiger Hort theologischer Kultur“23, hatte sich aber, nicht zuletzt wegen des Einflusses der Medici, von der ursprünglichen Armutsregel abgekehrt.24

Seine wachsende Anhängerschaft gewann Savonarola nicht wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten (sein Dialekt zeichnet ihn in Florenz als Fremden aus), sondern indem er sein bewegtes Innenleben auf Basis der Schrift demonstrierte – auch, wenn seine ersten öffentlichen Predigten zunächst Misserfolge waren und von der Elite allenfalls als Provokation empfunden wurden. Die Oberklasse in Florenz war naturgemäß nicht besonders empfänglich für seine Reden gegen den Luxus und die Verderbtheit, sicherlich bildete sich in den Jahren dieser Lehrtätigkeit bei Savonarola aber das heran, was später als seine „prophetische Berufung“25 gesehen wurde.26

Der Prophet von Florenz

In der Folge wurde Savonarola nicht nur zum Prior des Klosters San Marco gewählt, es machten auch Geschichten über seine vorbildliche Lebensführung und Wunder (etwa in Form von Lichtscheinen, die seinen ganzen Körper umgeben haben sollen) die Runde, sodass es auch die Medici nicht mehr wagten, sich ihm offen entgegenzustellen.27

Im April 1492 kam es seinem Ruf gelegen, dass innerhalb weniger Tage erst ein Blitz in die Domkuppel einschlug – zweifelsohne ein Zeichen göttlichen Zorns und Vorbote des nahenden Weltendes – und anschließend Lorenzo der Prächtige an der Gicht starb. Savonarola soll ihm am Sterbebett Beistand geleistet haben. Ob er das auf ehrerbietige oder hochmütige Art und Weise getan hat, hängt davon ab, ob man den Berichten seiner oder der Medici-Anhänger folgen will. Vermutlich fand das Treffen in einigermaßen versöhnlicher Atmosphäre statt, da Lorenzos Sohn Piero dem Dominikaner freundschaftlich verbunden blieb.28

Indem er der Ablehnung der Elite trotzte und die einfachen Leute ansprach, gelang es Savonarola, seine Popularität stetig zu steigern, nachdem er 1491 erstmals im Dom zu Florenz gepredigt hatte. Er kritisierte die stolze und mächtige Stadt, deren Bewohner ihre Tugenden vergessen haben und sich dem Laster hingaben.29 In seinen Predigten prangerte er die Gier des Klerus, die Härte und Willkür der Mächtigen sowie die sittlichen Ausschweifungen der Bürger an und stilisierte sich zum Sprachrohr der armen Leute, wobei er eine Erneuerung der Kirche forderte.30

Politische Neuordnung

Auch die politische Lage nach dem Tod Lorenzos spielte Savonarola in die Hände. Karl VIII., der König von Frankreich, begann seinen Italienfeldzug, und Piero de Medici kapitulierte eigenmächtig, wofür er aus Florenz vertrieben wurde. Savonarola bat König Karl um Milde, der am 17. November 1494 friedlich Einzug in die Stadt hielt.31 Sein Aufenthalt war dennoch von Unruhen begleitet, sodass Karl mit seinem Heer die Stadt schon am 28. November wieder verließ– ein Verdienst, der dem Propheten zugeschrieben wurde.32 Sowohl mit dem Sturz der Medici als auch mit dem Abzug des Franzosenheeres schienen sich seine Vorhersagen bewahrheitet zu haben, und er galt dem Volk „als Friedensstifter, was sein stetig gewachsenes Ansehen noch steigert[e]“33.

Portrait, das vermutlich Girolamo Savonarola zeigt

Für die einen war Savonarola ein Prophet, für die anderen ein fanatischer Spinner.

(Bildquelle34)

Damit war die Ausgangssituation geschaffen, die es Savonarola erlaubte, sein Wirken konkret auf die Politik auszudehnen. Das Ziel war zunächst, die Herrschaft einer einzelnen Familie auch in der Zukunft zu verhindern – wenngleich auch der Mönch ohne ein offizielles Amt agierte, genau wie die verjagten Medici es getan hatten. Mit dem governo largo wurde die Regierung massiv verbreitert und erlaubte auch dem Mittelstand einen Anteil an der Macht.35 Vermutlich wurden die Änderungen deshalb so bereitwillig begrüßt, weil Savonarola das tief verankerte Selbstbewusstsein der Stadt Florenz ansprach – die Bewohner hingen in einer gewissen Ausprägung dem Mythos an, ihre Stadt sei nicht nur die geistliche Nachfolgerin Roms, sondern auch „republikanischer Freiheitshort“36

Die Berufung auf Legenden und deren patriotische Überhöhung fällt nicht zufällig gerade in unruhigen Zeiten auf fruchtbaren Boden37, das lässt sich auch heute noch beobachten. Bedenkt man, dass die Menschen der damaligen Zeit ein anderes, nicht zuletzt tief religiös geprägtes Weltbild hatten, wird vielleicht verständlich, wie der Prediger vor diesem Hintergrund „fast über Nacht zum öffentlichen Gewissen von Florenz“ und damit zu einer großen Autorität werden konnte.38 Savonarola sprach sehr viel über die Armen und bewirkte eine große Umverteilung von Vermögen durch erwzungene Spenden, allerdings bekämpfte er den Hunger und die wirtschaftlichen Probleme nicht an ihren Ursachen. So kann man ihm vorwerfen, die unteren Schichten lediglich als Akklamtoren genutzt zu haben, da sie ihm folgten und zahlreich zu seinen Predigten kamen. Die in der Tat bemerkenswerte Öffnung der Regierung betraf nur die Mittelschicht, sodass Savonarola als „politischer Führer des Florentiner Bürgertums“39 gesehen werden kann.40

Der Gottesstaat gegen die Eitelkeit?

Mehr noch als für seine verfassungsmäßigen Reformen kennt man Savonarola heute unter dem Aspekt der sittlichen Erneuerung und für den Versuch, eine Art Gottesstaat zu errichten. Wiederum an den Mythos der von Gott auserwählten Stadt anknüpfend, verkündete er, Jesus Christus sei der König von Florenz – naheliegenderweise mit ihm, Savonarola, als Stellvertreter.41 Für die meisten seiner Anhänger galt dies wohl eher als Metapher für ein spirituelles Königtum Christi, wenngleich der ein odere andere diesen Anspruch durchaus wörtlich genommen haben dürfte.42

Seine Forderung nach einem moralischen und gottgefälligen Verhalten erstreckte sich auf alle Lebensbereiche. Abbildungen legen nahe, dass Männer und Frauen bei seinen Predigten durch Vorhänge voneinander getrennt saßen (sofern letztere überhaupt zugelassen wurden, was nicht immer der Fall war). Besonders den Frauen legte er eine neue, schlichte und schmucklose Kleiderordnung nahe, und soll ihnen gar empfohlen haben: „Lernet Ehrbarkeit von den Türkinnen, die sogar ihr Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllen“43.

Portrait der Bianca Maria Sforza von de Predis

Das Portrait Bianca Maria Sforzas verkörpert den Luxus der Renaissance – teurer Schmuck, wertvolle Stoffe und offenherzige Kleider waren Savonarola ein Dorn im Auge.

(Bildquelle44)

Der Frontalangriff auf die Lebenslust der Florentiner gipfelte im sogenannten Fegefeuer der Eitelkeiten, das am Aschermittwoch im Februar 1497 stattfand und die eher ausschweifenden Karnevalsfeierlichkeiten ersetzte. Zuvor in der ganzen Stadt eingesammelte Luxusgegenstände, Kleider, aufreizende Gemälde und Bücher wurden in Rahmen einer feierlichen Zeremonie auf einem 15m hohen und 60m breitem Scheiterhaufen verbrannt – ein Sühneopfer, bei dem die reinigende Kraft des Feuers das Laster ausmerzen sollte.45

Schützenhilfe bekam Savonarola von einer Gruppe, auf die er besonderes Augenmerk legte: den Kindern. Aufbauend auf die Tradition religiöser Bruderschaften schuf er eine „Miliz von Kämpfern Christi“46, deren Mitglieder feste Aufgaben hatte und als weiß gekleidete Horden durch Florenz zogen, um den Spielern das Geld und den Bürgern ihre Luxusgüter und Heiligenbilder abzunehmen. Dabei agierten sie wohl mit einer Mischung aus Überzeugungskraft und Einschüchterungstaktik, und die ganze Organisation erinnert an Strukturen in totalitären Regimes.47 Die Kinder verkörperten im Vergleich zu den Erwachsenen Unschuld und Reinheit und verstärkten damit die Autorität und Strahlkraft des Predigers mit seinem Mythos von der göttlichen Stadt Florenz, dem Neuen Jerusalem.48

Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli

Wir können von Glück sagen, dass trotz der Vehemenz Savonarolas nicht alle freizügigen Bilder den Flammen zum Opfer fielen – Meistwerke wie Botticellis „Geburt der Venus“ wären sonst womöglich für immer verloren gewesen.

(Bildquelle49)

Kräftemessen mit dem Papst

Bald nach diesem sehr öffentlichkeitswirksamen Spektakel begann sich der politische Wind langsam zu drehen. Die Konstellation in der Signoria, der Stadtregierung, veränderte sich zu Savonarolas Ungunsten, er wurde für Hunger und Armut verantwortlich gemacht, die er nicht wirksam hatte bekämpfen können. Und die Rufe nach den Medici wurden wieder lauter.50

Savonarola hatte die ganze Zeit über Gegner gehabt, die nun wieder mutiger wurden, und auch der Papst schaltete sich nach seinen bisher eher zögerlichen Einhegungsversuchen mit Nachdruck ein. Im Mai 1497 wurde Savonarola exkommuniziert.51

Eine Maßnahme, die er mit Verweis auf die Fehlbarkeit und den Machtmissbrauch des Papstes nicht akzeptierte (der Borgia-Papst Alexander VI. war im Hinblick auf Korruption und weltliche Genüsse in der Tat kein Kind von Traurigkeit gewesen), was dazu führte, dass Anhänger und Gegner wiederum aggressiver wurden.52

Bildnis Papst Alexanders VI.

Rodrigo Borgia alias Alexander VI. ist das Paradebeispiel für die Verweltlichung des Papsttums in der Renaissance.

(Bildquelle53)

Die Stimmung wurde bis ins Jahr 1498 hinein spürbar rauer, die beiden Lager lieferten sich gewalttätige Auseinandersetzungen, besonders bei der Wiederholung des Fegefeuers der Eitelkeiten.54 Noch immer weigerte sich der Mönch, die Exkommunikation anzunehmen, mit dem Hinweis, niemand müsse sich an einen gottlosen Befehl halten, und verglich sich mit Moses, zu dem er deutliche Parallelen erkennen wollte.55 Bei den europäischen Fürsten wollte er gar für ein Konzil werben und göttliche Beweise für die Unwürdigkeit Alexanders VI. liefern.56

Der Papst konterte, indem er der gesamten Stadt den Kirchenbann androhte – ein sehr wirksames Mittel in einer Zeit, in der fast alle Menschen tiefgläubig und um ihr Seelenheil besorgt waren. Schließlich wurde ein Predigtverbot verhängt, das sich auch auf seine Anhänger erstreckte. Florentinische Kaufleute, die in Rom residierten, fürchteten Repressalien, und viele begannen, sich von Savonarola zu distanzieren.57

Das Scheitern

Zum Verhängnis wurde Savonarola seine Überzeugung, als Instrument göttlichen Willens zu handeln. Der Franziskaner Fra Francesco forderte ihn zu einer öffentlichen Feuerprobe heraus, einem Prozedere, das seine Auserwähltheit beweisen sollte. Er konnte also nicht ablehnen, ohne das Gesicht zu verlieren58, und die Bürger freuten sich bereits auf das schaurige Spektakel, das am 07. April 1498 stattfinden sollte – wobei nicht Savonarola selbst, sondern sein Anhänger Fra Domenico die Probe durchführen würde. Auf einem Podest wurde ein Scheiterhaufen mit einem schmalen Gang in der Mitte errichtet, der auf beiden Seiten brennen und vollständig durchquert werden sollte. Die Regeln wurden dabei mit großer Sorgfalt festgesetzt – die Unterstützer des Streiters, der verbrennt, werden lebenslänglich verbannt, und „falls beide Streiter verbrennen, sei es, als ob lediglich der Dominikaner verbrannt wäre, der folglich als Verlierer gelte“59, zudem solle jeder verbannt werden, der den Ablauf der Probe nicht anerkennen wollte.60

Am festgesetzten Tag, nachdem Savonarola noch einmal gepredigt hatte, dass sich Gottes Unterstützung für ihn zeigen würde, kam es zu Streitigkeiten hinsichtlich der genauen Gestaltung der Feuerprobe – beide Seiten versuchten offenbar, sich der Sache zu entziehen. Zunächst wurde diskutiert, ob Fra Domenico sein Meßgewand anbehalten, und schließlich, ob er ein Kruzifix oder wenigstens eine Hostie vor sich hertragen dürfe. Dies wiederum hielten die Franziskaner für Frevel, und während sich die beiden Parteien an Spitzfindigkeiten gegenseitig überboten, wuchs in der Menge der Unmut. Nach stundenlangen Verhandlungen wurde es Abend, und ein Gewitter brach herein. Das Spektakel war ausgeblieben.61

Palazzio Veccio in Florenz

Der Palazzo Vecchio, damals Palazzo della Signoria – das Parlament und heutige Rathaus der Stadt Florenz. Auf der Piazza im Schatten dieses Wahrzeichens spielten sich fast alle öffentlichkeitswirksamen Ereignisse ab.

(Bildquelle62)

Was für uns heute relativ wahnwitzig erscheint, war für die Zeitgenossen mit großem Ernst behaftet. Die Franziskaner schafften es, mit ihren taktischen Diskussionen, auf die sich Savonarola notgedrungen einließ, die Feuerprobe zu verhindern. Für den Großteil der enttäuschten Zuschauer war es jedoch Savonarola allein, der die Schuld daran trug, dass das Ereignis nicht stattgefunden hatte. Zudem war das von ihm wiederholt verkündete Zeichen göttlicher Zustimmung ganz einfach nicht eingetreten. Hatte Gott ihn verlassen?

Der Aufwind für Savonarolas Gegner, die inzwischen die Oberhand gewonnen hatten, war immens, und auch unter seinen Anhängern machte sich Ernüchterung breit. Am Tag nach dem gescheiterten Gottesurteil wurde San Marco gestürmt, wo seine Gefolgsleute teilweise blutigen Widerstand leisteten, obwohl Savonarolas Verbannung bereits per Dekret verfügt war. Schließlich kapitulierte er und ging in Erwartung seines baldigen Märtyrertodes in Gefangenschaft.

In allen wichtigen Positionen der Stadt saßen nun seine Feinde, die ihn der Folter unterzogen. Dabei gestand er, es habe nie eine prophetische Berufung gegeben, sondern er habe lediglich nach persönlichem Ruhm gestrebt – eine Botschaft, die unter seinen verbliebenen Anhängern große Verbitterung auslöste.63

Dem Geständnis ist anzusehen, dass es vermutlich nicht von Savonarola selbst stammt, und heute wissen wir freilich auch, dass unter Folterqualen gemachte Aussagen nichts wert sind. Damals waren sie leider die gängige Praxis. So oder so sind die Gründe für den mit Sicherheit von Anfang an feststehenden Ausgang des Prozesses recht fadenscheinig. Der Vorwurf der Häresie war wohl noch der greifbarste, den man dem „falschen Propheten“ und Schismatiker machen konnte.64

Außer Savonarola wurden nur einige Geistliche und unbedeutende Mitläufer gefoltert, während die Aristokraten, die ihm gefolgt waren, lediglich Geldstrafen und kurze Verbannungen auferlegt bekamen. Die Hauptschuld wurde klar auf ihn abgewälzt, und er wurde gemeinsam mit zwei Anhängern am 05. Mai 1498 aufgehängt und anschließend verbrannt. Seine Asche wurde in den Arno gestreut, es sollten keine Reliquien von ihm bleiben.65

Für die einen galt Savonarola fortan als Beispiel moralischer Lebensführung oder gar Vordenker der Protestantischen Reformation (was strittig bleibt, wenn man sich die Details ansieht), für die anderen als ein Dogmatiker, der durch Einschüchterung und Angst eine Art Schreckensherrschaft etabliert hatte. In beiden Formen polarisiert der kleine Mönch aus Ferrara die Nachwelt bis heute. Und die Medici? Ihre Mitglieder kehren nach 1500 mit reichlich Hilfe von außen zurück und stellen als Großherzöge der Toskana bis 1737 wieder die erste Familie der Stadt. Ihr Name ist heute untrennbar mit Florenz und den Errungenschaften der Renaissance verbunden.

Gemälde zur Hinrichtung Savonarolas in Florenz

Die Hinrichtung von Girolamo Savonarola auf der Piazza della Signoria, am selben Ort, an dem er in den Jahren zuvor die Eitelkeiten der Florentiner dem Feuer übergeben hatte.

(Bildquelle66)

Die Geschichte Savonarolas gewährt uns einen Einblick, wie Menschen sich zu radikalen Fanatikern entwickeln, und wie sie es mit ihren teils visionären, teils extremen Ansichten schaffen, die Leute in ihren Bann zu ziehen. Das Muster setzt sich bis heute, unabhängig von Ideologie oder Religion, ganz ähnlich fort. Am Ende ist es dennoch nie ein Mensch allein, der eine derartige Umwälzung vollbringt, vielmehr sind diese schillernden , despotischen oder prophetischen Figuren die Katalysatoren, die die Massen in Bewegung versetzen. Das heißt auch, dass man die Schuld nicht beim Einzelnen suchen sollte. Savonarola hat Florenz gespalten und eine gewaltige, äußerst strittige Umwälzung bewirkt. Aber sein Aufstieg gelang nur, weil seine Visionen auf fruchtbaren Boden fielen. Ein Großteil der Florentiner war empfänglich für seine Botschaft. Zwar etablierten sich Maßnahmen, die Zwang auf die Menschen ausübten, aber mehr als um eine staatlich verordnete Doktrin im Sinne einer exekutiven Gesetzgebung handelte es sich um eine Gruppendynamik aus dem Volk heraus, das die sittliche Erneuerung umzusetzen bereit war. Zumindest anfangs waren die Bürger sicherlich keiner Tyrannei von oben ausgeliefert, und die einschüchternden Strukturen, die man mit modernen Unterdrückungswerkzeugen vergleichen kann, entstanden erst durch die Unterstützung seiner überzeugten Anhänger.

Vielleicht ist das die Botschaft, die man auch in der heutigen Welt hochhalten sollte: bevor man sich irgendjemandem anschließt, der allzu überzeugende Ansichten zu haben scheint, ist es ratsam, seine eigene Urteilskraft zu bemühen und sich ein differenziertes Bild zu machen, anstatt blindlings den einfachen Antworten zu folgen.

Der Roman

Cover des Buchs "Wir sind das Salz von Florenz" von Tilman Röhrig

Tilman Röhrig: Wir sind das Salz von Florenz, Bastei Lübbe.

Tilman Röhrig siedelt seinen Roman in einem faszinierenden kulturellen und historischen Umfeld an. Dabei lernen wir Akteure aus allen gesellschaftlichen Milieus kennen, vom fürstlichen Lorenzo de Medici über den Mönch Savonarola und die uneheliche Patrizierin Laodomia Strozzi bis hin zu Petruschka, der ehemaligen Sklavin und Magd, die der weiblichen Hauptperson als Freundin zur Seite steht. Das erlaubt uns einen vielschichtigen Blick auf die fast 30 Jahre umfassenden Ereignisse. Röhrig scheint eine tiefgehende Recherche betrieben zu haben, und es ist ihm gut gelungen, den historisch belegten Persönlichkeiten ein Gesicht zu geben und sie mit den fiktiven Teilen der Handlung zu verweben.

Im Zentrum steht Laodomia Strozzi, deren Ablehnung von Savonarolas Heiratsantrag den Ausgangspunkt für die Handlung darstellt. Die junge Frau muss sich mit den Widrigkeiten des Lebens herumschlagen und sich mit ihren doch recht modernen Ansichten in einer Welt behaupten, die für Frauen nicht zu viele Türen offenhielt. Dieser Aspekt entspricht dem klassischen Frauencharakter in historischen Romanen. Gerade weil Laodomia aber auch charakterliche Schwächen hat und einige naive Entscheidungen trifft oder sich zu ihnen drängen lässt, wird sie wieder glaubwürdiger und scheint ihrer Zeit nicht so entrückt wie manch andere historische Heldin.

Die Wege Laodomias und Girolamos kreuzen sich im Laufe der Jahre immer wieder, und beide verkörpern jeweils völlig gegensätzliche Lebenswelten. Indem auch das Gefühlsleben der Magd Petruschka und die Intrigen im Hause Medici beleuchtet werden, gelingt es Röhrig, die Spaltung, mit der sich Florenz in den Jahren des Aufstiegs von Savonarola konfrontiert sah, anschaulich zu beleuchten und lebendig zu machen.

Um das ohnehin schon sehr dicke Buch zu entschlacken, sind die komplexeren (außen-)politischen Entwicklungen mit eingeschobenen Skizzenblättern in komprimierter Form erklärt. Das ist vielleicht nicht hundertprozentig elegant, aber sehr praktisch, besonders für Leser, die sich mit der italienischen Geschichte noch nicht auskennen. So wird verhindert, dass die eigentliche Handlung durch künstlich eingeflochtene Erklärungen unnötige Längen erhält.

Der Roman ist ansonsten recht unterhaltsam erzählt, wenn auch die ein oder andere erotische Szene mit etwas weniger graphischen Ausschmückungen zurechtgekommen wäre.

Mich hat „Wir sind das Salz von Florenz“ fasziniert, weil der Autor die Lebenswelt im Florenz am Ende des 15. Jahrhunderts sehr überzeugend und detailreich darstellt und mich als Leser nachvollziehen lässt, welche gedanklichen Konzepte, Glaubensgrundsätze und Ideale in den Köpfen der Menschen diese turbulente Zeit gekennzeichnet haben mochten. Der Aufstieg des Bußpredigers birgt viele Parallelen zur heutigen Zeit, und wenn auch sein Innerstes im letzten Teil des Buches ein wenig zu kurz kommt, ist er insgesamt nachvollziehbar in Szene gesetzt.

Trotz einiger kleinerer Schwächen haben wir es hier mit einem soliden historischen Roman zu tun, der für mich eine der interessantesten Epochen der europäischen Geschichte abbildet und Fiktion und Fakten zu einer sehr lesenswerten Geschichte vereint.

Tilman Röhrig: Wir sind das Salz von Florenz, erschienen im Jahr 2004 bei Bastei Lübbe, 895 Seiten.

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  1. Reinhardt, Volker: Die Medici. Florenz im Zeitalter der Renaissance, München 42007, S. 40-78.
  2. By Steve Hersey – http://flickr.com/photos/sherseydc/2954982676/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5099526 (Abruf 27.04.2017).
  3. Ebd., S. 78.
  4. Ebd., S. 89-91.
  5. Ebd., S. 79.
  6. By Andrea del Verrocchio-Werkstattː Orsino Benintendi (vermutl, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=454357 (Abruf 27.04.2017).
  7. Vgl. Reinhardt, Volker: Die Renaissance in Italien. Geschichte und Kultur (Beck’sche Reihe 2191), München 22007.
  8. Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Stuttgart 122009, S. 107.
  9. Ebd., S. 139.
  10. By Leonardo da Vinci , Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48852 (Abruf 27.04.2017).
  11. Reinhardt, Renaissance in Italien, S. 11-13.
  12. By Fra Bartolomeo, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15451387 (Abruf 27.04.2017).
  13. Antonetti, Pierre: Savonarola. Die Biographie, Düsseldorf ppb2007, S. 13-15.
  14. Ebd., S. 16-19.
  15. Martines, Lauro: Fire in the city. Savonarola and the struggle for the soul of Renaissance Florence, Oxford u.a. 2006, S. 9-10.
  16. Antonetti, Savonarola, S. 19.
  17. Ebd., S. 20.
  18. Foto aus Grundriß der Kunstgeschichte, Wilhelm Lübke and Max Semrau, Paul Neff Verlag, Esslingen, 14. Ausgabe 1908, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=444802 (Abruf 27.04.2017).
  19. Ebd., S. 22-27.
  20. Ebd., S. 27-31.
  21. Ebd., S. 34.
  22. Ebd., S. 32-35.
  23. Ebd., S. 39.
  24. Ebd.
  25. Antonetti, Savonarola, S. 40.
  26. Ebd., S. 41-45.
  27. Ebd., S. 79.
  28. Ebd., S. 84-90.
  29. Ebd., S. 68-69.
  30. Ebd., S. 70-73.
  31. Ebd., S. 111-119.
  32. Ebd., S. 122.
  33. Piper, Ernst: Savonarola. Umtriebe eines Politikers und Puritaners im Florenz der Medici (Wagenbachs Taschenbücherei 60), Berlin 1979, S. 63.
  34. By Moretto da Brescia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15463469 (Abruf 27.04.2017).
  35. Reinhardt, Volker: Geschichte von Florenz, München 2013, S. 88-95.
  36. Reinhardt, Volker: Florenz zur Zeit der Renaissance. Die Kunst der Macht und die Botschaft der Bilder, Freiburg/Würzburg 1990, S. 183.
  37. Vgl. Reinhardt, Geschichte von Florenz, S. 90.
  38. Piper, Savonarola, S. 64.
  39. Ebd., S. 99-102.
  40. Ebd., S. 103-104.
  41. Antonetti, Savonarola, S. 133, sowie Martines, Fire in the city, S. 140.
  42. Martines, Fire in the city, S. 141.
  43. Schnitzer, Joseph: Savonarola: Ein Kulturbild aus der Zeit der Renaissance, Bd. 1, München 1924, S. 244, Digitalisat (Düsseldorf 2011) unter http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/titleinfo/2702886.
  44. By Giovanni Ambrogio de Predis – http://worldart.sjsu.edu/VieO6399?sid=34239&x=6876748, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6757262 (Abruf 27.04.2017).
  45. Antonetti, Savonarola, S. 216-221.
  46. Ebd., S. 188.
  47. Ebd., S. 187-189.
  48. Martines, Fire in the city, S. 111-112.
  49. By Sandro Botticelli, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=259850 (Abruf 27.04.2017).
  50. Antonetti, Savonarola, S. 222-224.
  51. Ebd., S. 224-230.
  52. Ebd., S. 231-235.
  53. By Cristofano dell’Altissimo – http://www.comune.fe.it/diamanti/mostra_lucrezia/quadri/q08.htm, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4587671 (Abruf 27.04.2017).
  54. Ebd., S. 244-245.
  55. Ebd., S. 255-256.
  56. Ebd., S. 263.
  57. Ebd., S. 258-161.
  58. Ebd., S. 264-265.
  59. Ebd., S. 265.
  60. Ebd., S. 267.
  61. Ebd., S. 269-271.
  62. By JoJan – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=431779, Abruf 27.04.2017).
  63. Ebd., S. 273-285.
  64. Martines, Fire in the city, S. 165-273.
  65. Antonetti, Savonarola, S. 293-302.
  66. By Anonymous – http://www.polomusealetoscana.beniculturali.it/index.php?it/190/firenze-museo-di-san-marco, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1183710 (Abruf 27.04.2017).

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