Olympia 72 in München | Ulrike Draesner: Spiele

Auf den Spuren des Anschlags

1972. Dass in diesem Jahr die Olympischen Spiele in der bayerischen Metropole stattfanden und jäh vom Attentat auf die israelische Mannschaft erschüttert wurden, wusste ich. Aber eher irgendwo im Hinterkopf. Nachdem ich nun aber seit einiger Zeit in München wohne und die Spiele von 1972 ihr trauriges Jubiläum feiern, hat das Ereignis eine neue Präsenz gewonnen – für mich, aber auch in der Medienberichterstattung. Der neu aufgelegte Roman „Spiele“ von Ulrike Draesner verbindet die Lebensgeschichte der fiktiven Protagonistin Katja mit den Ereignissen rund um Olympia 72 und deren Aufarbeitung. Ich habe den Roman gelesen und mich auf eine Spurensuche zu den Erinnerungsorten im Olympiapark München begeben.

Der Roman "Spiele" von Ulrike Draesner vor dem Olympiarpark.
Der Roman „Spiele“ von Ulrike Draesner vor der Kulisse des Olympiaparks in München.

Der Roman beginnt im München des Jahres 1972 so, wie auch die Olympischen Spiele beginnen: friedlich, ausgelassen und fröhlich. Katja, die Protagonistin, ist gerade ein Teenager und fasziniert von all dem Trubel. So muss es auch in Wahrheit gewesen sein. „Heitere Spiele“, so lautete das Motto, das bis heute immer wieder zitiert wird. Denn die Olympia 72 sollte das Aushängeschild eines neuen, weltoffenen, Deutschlands werden. Die letzten Spiele auf deutschem Boden hatten 1936 stattgefunden, im Gedächtnis blieben sie als Propaganda-Inszenierung der Nazis. All das wollte die BRD hinter sich lassen.

München zeigt 1972 ein freundliches Gesicht

Das spiegelte sich auch im Design wieder: Bunte, helle Farben und eine futuristische, leichte Architektur waren als Kontrast zur Wuchtigkeit der Spiele in Berlin gedacht. Der Gestaltungsbeauftragte Otl Aicher war mit einer Schwester von Sophie Scholl verheiratet. Das Gelände des Olympiaparks mit den charakteristischen Zeltdächern lag im Grünen und doch zentral – hochgezogen in nur sechs Jahren. Der Berg neben dem Olympiasee ist eigentlich ein Trümmerberg: Der Schutt des Krieges wurde buchstäblich begraben. München wurde für die Spiele modern, U- und S-Bahn wurden eilig ausgebaut. „Die Welt zu Gast bei Freunden“, das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, hätte auch damals schon Anwendung finden können. Sogar die Sicherheitskräfte, weitgehend unbewaffnet, waren in heiteres Pastellblau gekleidet. Die Botschaft war also nicht schwer zu entschlüsseln, und die Zeitzeugen erinnern sich bis heute an die begeisterte Stimmung, weil dieses Konzept voll aufging. Leider zeigte sich schon bald, dass sich dieses nicht vorhandene Sicherheitskonzept als ignorant, ja geradezu naiv erweisen sollte.

Ausschnitt aus der Broschüre "Olympia 72 in Bildern" der Bayerischen Staatsbibliothek
Hostessen mit Dackel „Waldi“, dem Maskottchen der Spiele. Die Kostüme sorgten dafür, dass das Dirndl wieder zum Trend wurde.
(c) Broschüre „Olympia 72 in Bildern“, Bayerische Staatsbibliothek, 2022.

In den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 war es mit der Heiterkeit schlagartig vorbei. Palästinensiche Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ verschafften sich Zugang zum Quartier der Israelis in der Connollystraße 31. Zwei Sportler wurden zu Beginn der Aktion ermordet, neun weitere beinahe einen ganzen Tag als Geiseln festgehalten. Ziel war die Freipressung von palästinensischen Gefangenen aus israelischer Haft und die Freilassung deutscher RAF-Mitglieder.

Terror im Olympischen Dorf

Straßenschild an der Connollystraße in München

Die Verhandlungen liefen vor den Augen der Öffentlichkeit. Erstmals gab es eine Live-Berichterstattung, viele Familien in aller Welt hatten sich für die Olympischen Spiele ihren ersten Farbfernseher angeschafft. Heute erscheint völlig unverständlich, dass die Wettkämpfe zunächst fortgesetzt wurden, während nur wenige hundert Meter entfernt zwei Tote zu beklagen waren und neun Menschen um ihr Leben bangen mussten. Erst am Nachmittag wurden die Spiele schließlich unterbrochen.

Israel hatte nicht vor, den Forderungen nachzugeben, und der bayerischen Polizei gelang es nicht, die Connollystraße 31 zu stürmen oder die Terroristen zu überlisten – es war nicht einmal klar, mit wie vielen Geiselnehmern man es überhaupt zu tun hatte.

Am Abend, mehrere Ultimaten waren bereits abgelaufen bzw. verlängert worden, kam es zu einer scheinbaren Einigung: Die Terroristen sollten mit den Geiseln nach Ägypten ausfliegen dürfen. Gegen 22 Uhr ging es per Hubschrauber zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Dort fand ein vollkommen chaotischer Befreiungsversuch statt, bei dem alle Israelis, ein deutscher Polizist und fünf der Terroristen ums Leben kamen.

Am nächsten Tag, dem 6. September 1972, wurden die Wettkämpfe nach einer Gedenkveranstaltung fortgesetzt. Es hieß: „The games must go on.“1

Der Nachhall der Katastrophe

Rückblickend ist so vieles daran schockierend. Die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen trotz des wütenden Nahostkonflikts und ganz konkreter Attentatsszenarien. Dazu die Unfähigkeit der deutschen Behörden – wobei den Polizisten vermutlich der geringste Vorwurf zu machen ist. Die BRD hatte dem Anschlag schlicht nichts entgegenzusetzen. Es gab keine ausgebildeten Einsatzkräfte oder Scharfschützen, teilweise sollten einfache Verkehrspolizisten mit ihren Dienstpistolen die Terroristen ausschalten. Der Einsatz israelischer Spezialkräfte wurde offiziell wegen verfassungsrechtlicher Bedenken abgelehnt – sicherlich war auch eine gewisse Arroganz im Spiel. Und schließlich führten auch zahlreiche Pannen und Kommunikationsfehler zur Katastrophe, die alle verbliebenen Geiseln nach einem qualvollen Tag doch noch das Leben kostete.

Die drei lebend festgenommenen Terroristen wurden nur wenige Monate später im Rahmen einer Flugzeugentführung freigepresst und nie verurteilt. Es muss zumindest in Erwägung gezogen werden, dass diese Aktion fingiert und die Bundesregierung mehr als bereit war, die Attentäter bequem loszuwerden. Dadurch wurden sie nie verurteilt.

Die deutsche Verantwortung wurde lange Zeit heruntergespielt, den Hinterbliebenen keine akzeptable Entschädigung angeboten. Erst im August 2022, kurz vor den Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag, kam es zu einer Einigung.

Vor der Connollystraße 31 erinnert eine Tafel an die israelischen Opfer: David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, Josef Romano, Amizur Shapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Andre Spitzer, Jaakow Springer, Mosche Weinberger.

Gedenktafel für die israelischen Opfer des Attentats von Olympia 72 vor der Connollystraße 31
Die Gedenktafel zum Andenken an die getöteten israelischen Sportler vor dem Ort der Geiselnahme an der Connollystraße 31 in München.

Den Schauplatz des Geschehens heute zu besuchen, verursacht ein mulmiges Gefühl. Das Olympische Dorf ist ein attraktives Wohnviertel, bunt, begrünt und wieder ein Ort der Gemeinschaft und des Lebens. Es ist aber auch unerwartet eng: Alles befindet sich sehr nah beieinander und das ehemalige Quartier der israelischen Mannschaft ist viel kleiner, als es auf den alten Fotos den Anschein hat. Heute wird es als Gästehaus des Max-Planck-Instituts genutzt und nicht dauerhaft bewohnt.

Connollystraße 31
Die Connollystraße 31 im August 2022.

Auf dem Balkon befand sich der mit einem Strumpf maskierte Terrorist, dessen Foto fast schon ikonisch für den Anschlag auf die Olympischen Spiele 1972 geworden ist. Ich fand es ziemlich beklemmend, direkt darunter zu stehen. Es ist nicht einfach, den Schrecken der bekannten Schwarzweißbilder mit dem heutigen Ort in Einklang zu bringen, der Kontrast ist groß.

Ein würdiger Gedenkort für Olympia 72

Unweit der Connollystraße im Olympiapark steht ein Pavillon. Dort finden sich biographische Informationen über die israelischen Opfer und den getöteten Polizisten, Anton Fliegerbauer. Ein Dokumentarfilm zeigt Mitschnitte aus den Nachrichtensendungen am Tag des Geschehens. Daraus geht hervor, wie hilflos man zunächst mit dem Geschehen umging – wenn etwa kurz nach einer Nachrichtensendung über die Geiselnahme wieder zur olympischen Dressurprüfung geschaltet wurde -, aber auch, wie unübersichtlich die Nachrichtenlage war. Am Abend des 5. Septembers, als die Schießerei in Fürstenfeldbruck noch in vollem Gange war, verbreitete sich die Falschmeldung, dass alle Geiseln gerettet werden konnten. Umso schockierender war die Bekanntgabe des wirklichen Ausgangs am nächsten Morgen.

Der Gedenkort wurde erst 2017 eingerichtet, 45 Jahre nach dem Anschlag.

Stille inmitten der Leichtigkeit

Die Spiele und der Anschlag haben München, aber auch die Politik der BRD geprägt. Ansonsten ist das Ereignis erstaunlich locker im kollektiven Gedächtnis verankert – in der Schule wurde es zumindest bei mir nie thematisiert. Erst durch den Jahrestag wird verstärkt darüber berichtet. Es liegt nahe, dass man sich mit dem Versagen nicht gerade brüsten wollte, dennoch war und ist eine angemessene Aufarbeitung nötig. Denn die „heiteren Spiele“ sind für immer untrennbar mit der Tragödie des Attentats verbunden. Als Reaktion darauf wurde beispielsweise die GSG 9 gegründet.

Der (wirklich schöne) Olympiapark ist eine Attraktion in München: für Veranstaltungen, wegen der Aussicht vom Olympiaturm, durch Sportstätten und als grüne Oase. Wer ihn besucht, sollte sich die Zeit nehmen und auch den Gedenkorten einige Minuten widmen.

Panorama des Olympiaparks
Der Olympiapark vom Olympiaberg aus gesehen. Rechts hinter den Zeltdächern sind die Terrassenbauten des Olympischen Dorfes zu sehen.

Rezension: „Spiele“ von Ulrike Draesner

Cover des Romans "Spiele" von Ulrike Draesner
Ulrike Draesner, Spiele, Penguin 2022 (ursprünglich btb, 2007).

Ulrike Draesner verknüpft die Ereignisse um das Olympia-Attentat und seine Aufarbeitung mit einer fiktiven Lebensgeschichte.

Es war definitiv gehaltvoll, sprachlich nicht ohne Anspruch, gleichzeitig ein Stilmix und ein bisschen wirr. Die Protagonistin Katja, an der Schwelle zur Pubertät, hat in einer Szene recht früh im Buch jede Sympathie verspielt. Ihre Kindheit in der BRD, ihr Umfeld, ihre Familie, all das schildert die Autorin aber mitreißend und einfühlsam. Man sieht vor sich die Begeisterung angesichts der Spiele, die Verwirrung, als plötzlich »etwas« passiert und erst nicht klar, ist, was eigentlich. Dann geht es sehr lange gar nicht mehr um das Attentat, sondern um Katja, ihr Erwachsenwerden und schließlich den Wunsch, das Geschehen aufzuarbeiten, 30 Jahre später. Denn beim finalen Fiasko in Fürstenfeldbruck kam ihre Jugendliebe zu Schaden; dafür, dass er dort war, gibt sie sich auf immer die Schuld. Fand ich etwas übertrieben, zumal sie ihre Nachforschungen im letzten Teil des Buches vor lauter Techtelmechtel mit ihrem aktuellen Freund beinahe vergisst. Man sieht: Mir war ein bisschen zu viel Liebes- und Lebensgeschichte darin, demgegenüber wurde vergleichsweise wenig Fokus auf diejenigen gelegt, die ihr Leben verloren haben. Aus ihrer Perspektive zu erzählen wäre pietätlos, doch es wäre angebracht gewesen, Katja etwas mehr über die Opfer nachdenken zu lassen.

Es wäre insgesamt ein bisschen prägnanter gegangen, zudem hätte es geholfen, wenn Katja nicht so unsäglich unsympathisch gewesen wäre. Davon einmal abgesehen, ist »Spiele« ein hervorragendes Portrait der Zeitgeschichte, hat die 70er für mich lebendig werden lassen und mir eine eindrückliche Perspektive auf die Ereignisse erlaubt. Ein Fazit bleibt ganz besonders hängen, das man für so vieles wiederholen könnte:

Alle sind erstaunt, was passiert ist. Keiner hat etwas dagegen getan oder es vorher verstanden. Aber nie ist es undenkbar gewesen.

Ulrike Draesner, Spiele, erschienen 2007 im btb Verlag, Neuauflage 2022 im Penguin Verlag.

>>Link zum Buch<<

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Podcast- Tipps

Ich habe im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Olympia-Attentat einige sehr gute Podcasts gehört, die ich gerne empfehlen möchte:

Himmelfahrtskommando (Bayerischer Rundfunk, 8 Episoden)
Patricia Schlossers Vater war beim Fiasko in Fürstenfeldbruck als Polizist dabei. Gemeinsam stellen sie sich den Geschehnissen, der Frage nach der individuellen Schuld und dem Schweigen, das 50 Jahre lang über den Polizeieinsatz gelegt worden war.

SWR2 Archivradio: Olympia-Attentat (SWR2 Archivradio, 3 Episoden)
Tonaufnahmen und Radioberichte, die während der Geiselnahme gesendet wurden, geben ein eindrückliches Bild von Chaos und Hilflosigkeit im Zuge der Live-Berichterstattung.

Vor 50 Jahren: Olympia 1972 – Heitere Spiele und tödlicher Terror in München (Deutschlandfunk, 1 Episode)
Eine knappe und übersichtliche, aber differenzierte Darstellung der politischen Hintergründe und der Nachwirkungen der Olympischen Spiele 1972.

Die Olympia-Protokolle (Alles Geschichte – History von radioWissen, BR2, 3 Episoden)
Eine minütiöse Analyse darüber, wie die »heiteren Spiele« vorbereitet wurden und endeten. Mit Einsichten in die Ermittlungsakten, den Hintergründe über das Attentat und dessen Drahtzieher.

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  1. IOC-Präsident Avery Brundage bei seiner Rede während der Gedenkveranstaltung, 06.09.1972 im Olympiastadion.

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