Ausschnitt aus dem Cover des Romans "Die Perlenfischerin" von Sabine Weiss.

Reich an Perlen | Sabine Weiss: Die Perlenfischerin *

Löwen, Intrigen und renitente Untertanen

* Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Der Themenschwerpunkt meines Artikels und der Inhalt meiner Rezension bleiben davon unberührt. 

Um das Jahr 1200 ging es im heutigen Deutschland richtig hoch her. Christen gegen Heiden, Staufer gegen Welfen, Untergebene gegen ihre Herren – in «Die Perlenfischerin» erzählt Sabine Weiss, wie sich die Kriege und politischen Ränkespiele auf das Alltagsleben der Bevölkerung auswirkten. Und sie erzählt von den Perlen, deren Schönheit die Menschheit bereits im Mittelalter beeindruckte – heute ist die Flussperlmuschel vom Aussterben bedroht. Was die Zerstörung Bardowicks mit den Hinterteilen seiner Einwohner zu tun hat, wie das deutsche «Game of Thrones» verlief und was wir tun können, um die Flussperlmuscheln zu schützen, erfahrt ihr heute bei mir.

1. Bardowick, Heinrich der Löwe und die Hinterteile der Bewohner

Der Roman beginnt hochdramatisch mit der Belagerung und Eroberung des Ortes Bardowick im Jahr 1189. Gleich zu Anfang werden ein paar alte Rechnungen beglichen, natürlich auf Kosten der Bevölkerung – möglicherweise als Quittung für einen denkwürdigen Ungehorsam sieben Jahre zuvor. Mittendrin ist die kleine Ida, die im Chaos der Kämpfe von ihrer Familie getrennt wird.

Bardowick im heutigen Niedersachsen ist seit Ende des 8. Jahrhunderts in den Quellen als Fernhandelsplatz belegt. Zur Zeit Karls des Großen kamen viele Kaufleute dorthin, um mit den Slawen, die in den angrenzenden Gebieten lebten, Geschäfte zu machen. Aber nicht nur das: Auch die Missionierung dieser «Heiden» durch die christlichen Franken spielte eine große Rolle – ein Grund dafür, dass im kleinen Bardowick einige Kirchen entstanden.1 Wohl auch wegen seiner strategisch günstigen Lage an der Ilmenau geriet der Ort im 12. Jahrhundert zu einem Zentrum der Auseinandersetzungen zweier Dynastien: Welfen und Askaniern. Zuerst hatte der askanische Herzog Albrecht der Bär vergeblich versucht, die Herrschaft über Bardowick zu halten. Der junge Welfe Heinrich der Löwe, unterstützt von seinem Vetter Friedrich Barbarossa, erhielt den Ort schließlich aber als Reichslehen und nutzte ihn als wichtige Einnahmequelle.

Bardowick an der Ilmenau, wo es früher viele Muschelbänke mit Perlen gab.
Bardowick Ende des 16. Jahrhunderts, lange nach der Handlung von «Die Perlenfischerin».
(Bildquelle2)

Gleichzeitig wurde aber das noch besser gelegene Lübeck immer bedeutender, und Heinrich der Löwe musste die Abwanderung vieler Kaufleute aus Bardowick beklagen. Zu jener Zeit wurden die Städte immer wichtiger und mächtiger, und Bardowick zu einer solchen gezielt auszubauen, hatte Heinrich versäumt.3 Nachdem der Ort zum Hinterland geworden war, fühlten sich die Bewohner selbst aber ebenfalls vernachlässigt und ausgebeutet, und so kam es zu einer denkwürdigen Episode, die bis heute überliefert ist.

Die Bardowicker Gesäßhuldigung

Ja, richtig gehört. Heinrich der Löwe, der 1182 nach einem Zerwürfnis mit Barbarossa ins Exil musste, wollte in Bardowick nächtigen, was die Bewohner wegen seiner Politik mäßig beeindruckte. Die Bardowicker verweigerten Heinrich den Zutritt und sollen sich der Legende nach zwar von den Mauern aus vor ihm verbeugt haben, allerdings mit dem Rücken voraus. Oder, wie es Christian Schlöpke im Jahr 1704 wiedergab:

Insgeheim wird erzehlet und auch von den meisten geglaubet, daß die Belagerte so gottlos gewesen und Henrico Leoni von der Mauren, mit Verlaub, die entblössete Hindern gezeiget.»4

Natürlich ein riesiger Affront. Einige Quellen besagen, dass diese sogenannte «Bardowicker Gesäßhuldigung» stattfand, als die Einwohner ihrem Herzog auf dem Weg ins Exil den Einzug verwehrten, andere behaupten, sie hätten ihn nach seiner Rückkehr auf diese Weise «begrüßt» und gedemütigt. Dass Bardowick schließlich 1189 von Heinrich erobert und nahezu komplett zerstört wurde (die Kirchen ließ er stehen), ist aber wohl nur zu geringem Teil als Rache für diese Ungebührlichkeit (die nicht sicher historisch belegt ist) zu sehen. Der wirkliche Grund war eher politischer Natur. Während Heinrich im Exil weilte, hatte sich nämlich Bernhard III. von Sachsen einen Teil seiner Länderein angeeignet. Und durch den Verlust Bardowicks war er entscheidend geschwächt. Auch zur Eroberung des Ortes gibt es übrigens eine Legende: Ein verirrter Ochse, der die Ilmenau durchquerte, soll den Belagerern einen Weg durch den Fluss gewiesen und die Erstürmung so ermöglicht haben.

Miniatur Heinrichs des Löwen in einer Handschrift aus dem Mittelalter.
Heinrich der Löwe in einer spätmittelalterlichen Handschrift.
(Bildquelle5)

Danach gelangte Bardowick nie wieder zu größerer Bedeutung, weil es sich nicht gegen die aufstrebsamen Städte Lüneburg und Lübeck durchsetzen konnte. Deshalb ist es heute allerdings auch von großer archäologischer Bedeutung; viele unzerstörte Funde erlauben Erkenntnisse über das Leben im Mittelalter.6 Und die denkwürdige «Gesäßhuldigung» liefert eine Anekdote, die mit Sicherheit bei keiner Stadtführung fehlen darf. Auf dem Marktplatz von Schwerin ist die Episode sogar auf einem Denkmal verewigt.

2. Game of Thrones

Um 1200 wird im Norden des Reiches an zahlreichen Fronten gekämpft, was Ida auch im Erwachsenenalter wieder am eigenen Leib erlebt. Sie wurde nach der Zerstörung Bardowicks von Neslin aufgezogen, einem Kräuterweib, wodurch sie Einblicke in den alten heidnischen Glauben erhielt. Es ist vor allem die verbotene Liebe zu dem Slawen Esko, die dafür sorgt, dass sie stets zwischen den Stühlen sitzt: während der «Heidenkreuzzüge» ebenso wie während des Streites zwischen Staufern und Welfen.

Bei dem Versuch, mich in die mittelalterliche Politik einzulesen, musste ich direkt wieder daran denken, wie ein Professor in einer meiner Uni-Vorlesungen den deutschen Thronstreit einmal mit der populären Fantasy-Serie «Game of Thrones» verglich. Tatsächlich finden sich die Grundelemente (Intrigen, Politik, Krieg, Beziehungsgeflechte) natürlich in der ganzen Geschichte. So auch um 1200, denn Heinrich der Löwe war mitnichten der einzige machthungrige Akteur seiner Zeit, und deshalb ging es nach dessen Tod im Jahr 1195 erst richtig los mit dem sogenannten Deutschen Thronstreit.

Drei Heinriche und zwei Ottos

Heinrich der Löwe hatte drei Söhne hinterlassen: Erstens Heinrich von Braunschweig, Pfalzgraf bei Rhein und Gefolgsmann des Kaisers Heinrich VI. Zweitens Otto von Braunschweig, der während des englischen Exils seines Vaters zu einem guten Draht mit Richard Löwenherz gelangt war, welcher ihn zum Herzog von Aquitanien machte. Und drittens Wilhelm von Lüneburg, der im englischen Exil geboren wurde und das Pech hatte, mehrfach für Richard Löwenherz als politische Geisel durch die Gegend geschickt zu werden.7

Sehr überraschend starb 1197 der Kaiser Heinrich VI. in Messina auf dem Weg zu einem Kreuzzug, und ein Nachfolger wurde benötigt. Der musste damals von den Kurfürsten im Heiligen Römischen Reich gewählt werden, wobei sich diese oft für den Sohn des verstorbenen Herrschers entschieden. Den gab es auch, in Gestalt von Friedrich II., der allerdings erst knapp drei Jahre alt war und sich vor allem in Italien befand. Sein Onkel, Philipp von Schwaben, wollte ihn ins Reich bringen und als Regent für ihn fungieren. Er schaffte es jedoch nicht, den kleinen Jungen über die Alpen zu bringen. Ein Teil der Fürsten wählte deshalb Philipp von Schwaben selbst zum «Verteidiger des Reiches» und zum römisch-deutschen König (dies war Voraussetzung für den Griff nach der Kaiserkrone). Das war die Fraktion der Staufer.8

Philipp von Schwaben in einer mittelalterlichen Miniatur. Seine Herrschaftsinsignien sind ebenfalls mit Perlen bestickt.
Philipp von Schwaben trägt hier bereits die Reichsinsignien.
(Bildquelle9)

Es gab jedoch auch eine Allianz, die einen Gegenkandidaten aus dem Geschlecht der Welfen aufstellen wollte. Naheliegend wäre hier der älteste Sohn Heinrichs des Löwen, nämlich Heinrich, der Pfalzgraf bei Rhein gewesen. Der allerdings befand sich ja noch im Heiligen Land beziehungsweise auf dem Rückweg, denn er hatte als Parteigänger des verstorbenen Kaisers an dessen Kreuzzug teilgenommen. Deshalb fiel die Wahl, massiv unterstützt durch den englischen König Richard Löwenherz, auf den zweiten Sohn Otto von Brandenburg.10

Nun gab es also zwei Anwärter auf die Kaiserwürde. Keiner besaß die volle Legitimation, und es gab keine feste Regelung, wie mit einem solchen Problem umzugehen war. Für eine ordnungsgemäße Erhebung bedurfte es nämlich verschiedener Kriterien: Man musste die Krönungsinsignien besitzen, auf fränkischem Boden gewählt werden, und am richtigen Ort, in Aachen, gekrönt werden. Und zwar durch die richtige Person, nämlich den Kölner Erzbischof. Derlei Rituale und Symbole waren im Mittelalter äußerst wichtig und nicht nur Pomp und Zierde, sodass sich daraus große Schwierigkeiten ergaben. Denn Otto war in Köln gewählt und in Aachen durch den Kölner Erzbischof wie vorgesehen gekrönt worden, während Philipps Wahl in Thüringen stattgefunden hatte und er in Mainz gekrönt worden war. Dafür war aber Philipp im Besitz der Insignien, bestehen aus Reichskrone, Reichsapfel und Reichsschwert. Ottos Erhebung war mit nachgebildeten Insignien erfolgt. So entstand die unpraktische Situation, dass es quasi zwei halbe Könige gab, die jeweils nur Teile des formellen Anspruchs erfüllen konnten.11

Treffen zwischen Heinrich IV. und Papst Innozenz II.
Eine Darstellung aus dem 15. Jahrhundert illustriert das Treffen von Otto IV. und Papst Innozenz II., welches natürlich Ottos Thronanspruch untermauern sollte.
(Bildquelle12)

So ging es dann mit wechselnden Allianzen und Loyalitäten eine Weile hin und her. Unter Einbezug vieler europäischer Mächte, natürlich auch des Papstes, versuchten sowohl Philipp als auch Otto, sich zu etablieren. Philipp hatte dabei die Nase vorn, wurde allerdings («Game of Thrones» lässt grüßen) im Jahr 1208 ermordet. Und zwar am Hochzeitstag seiner Nichte, von einem gewissen Otto von Wittelsbach, der wohl beleidigt war, weil Philipp sich nicht an eine vereinbarte Verlobung zwischen den beiden Familien gehalten hatte. So genau weiß man das heute freilich nicht. Otto jedenfalls inszenierte sich als Rächer seines ermordeten Rivalen und wird von der Geschichtsschreibung nicht verdächtigt. Trotzdem profitierte er auf lange Sicht natürlich davon, dass sich der Thronstreit zu seinen Gunsten entschieden hatte – er wurde Kaiser 13

Heidenfahrten

Eine gewichtige Rolle spielt in «Die Perlenfischerin» das Verhältnis zwischen Christen und «heidnischen» Slawen. Im Rahmen der Kreuzzugsideologie, die in jenen Jahren herrschte, wurde nicht nur das Heilige Land, sondern auch der Ostseeraum berücksichtigt. So forderte Papst Innozenz 1215 ausrücklich zu einem Kreuzzug nach Livland (das Gebiet des heutigen Estland und Lettland) auf, etwa, wenn die Christen nicht am Kreuzzug nach Jerusalem teilnehmen konnten. Ein Ziel dieser unrühmlichen Aktionen war natürlich die Missionierung im Sinne des christlichen Glaubens. Es scheint aber außer Frage zu stehen, dass auch machtpolitische Interessen und die Vergrößerung der Einflussgebiete ganz handfeste Gründe darstellten. Natürlich auch in wirtschaftlicher Hinsicht, denn durch die Christianisierung wurde der Weg für sicherere Handelsbeziehungen frei, was letztlich auch die Entwicklung der Hanse begünstigte. Die so quasi eroberten slawischen Volksgruppen fanden das freilich nicht so lustig, denn vielfach wurden ihre religiösen Kultstätten zerstört und an ihrer Stelle christliche Kirchen errichtet. Oftmals kam es zu einer Taufe «durch das Schwert», also unter Zwang.14 Diese Perspektive schildert Sabine Weiss auch in ihrem Roman sehr eindrücklich.

3. Perlen – Freud und Leid

Ida ist sehr naturverbunden aufgewachsen und hat großen Respekt vor der Schönheit der Perlen, die man in den Flussperlmuscheln in der Ilmenau ernten kann. Und sie hat ein Gespür dafür, in welchen der Tiere sich die kostbaren Schätze befinden. Nach ihnen zu tauchen, hat sie gelernt, und hier und da erweist es sich als nützlich, eine Perle verkaufen zu können. Aber man muss vorsichtig sein, denn dieses Geschäft ist strengstens verboten. Überhaupt sollten gar nicht zu viele Menschen auf die reichhaltigen Vorkommen aufmerksam werden, denn das könnte das Ende der Muschelbänke bedeuten…

Schon im Altertum waren Perlen, die man geradezu als Wunder der Natur betrachtete, bedeutsam: Als Schmuck, als Signum für Edelkeit, Reichtum und Macht. Perlen stehen für Schönheit und Dekadenz, und nichts beschreibt dies besser als die Legende um die Perlen der Kleopatra. Die ägyptische Königin soll mit Mark Anton gewettet haben, dass sie eine Mahlzeit im Wert von 60 Millionen Sesterzen auf einmal verspeisen könne. Dann habe sie eine Perle aus ihrem Ohrschmuck genommen, sie in einem Glas Essig aufgelöst und die Substanz getrunken. Beweis erbracht! Zumindest dafür, dass es sich bei Perlen um besonders symbolträchtige und wertvolle Kleinodien handelt.15

Daß sie die Perle trägt, das macht die Muschel krank / Dem Himmel sag‘ für Schmerz, der dich veredelt, Dank.»16

Damit fasst der Dichter Friedrich Rückert zusammen, dass die Schönheit der Perlen, um die es im Roman auch geht, Freud und Leid bringen konnte. Für die Muscheln, die sie tragen, aber auch für die Menschen, die nach ihnen gieren.

Mosaik der byzantinischen Kaiserin Theodora, die wertvollen Schmuck aus Perlen trägt.
Theodora, Gattin des byzantinischen Kaisers Justinian, mit Perlenschmuck auf einem Mosaik des Jahres 547.
(Bildquelle17)

Dieser Kult ging auch im Mittelalter weiter. Sowohl in Byzanz als auch im Reich der Franken gehörten Perlen zu den exquisitesten Kostbarkeiten, mit denen sich Herrscher umgeben konnten. Auch, weil man sie als besonders rein empfand und sie deshalb mit der Liebe Gottes und der Unbeflecktheit der Jesusmutter verband, wie die Gemmologin Elisabeth Strack beschreibt: «Christus war die köstliche, von Maria geborgene Perle»18. Zahlreiche sakrale Gegenstände, wie perlenbestickte Messgewänder oder üppig geschmückte Kelche und Reliquienschreine, zeugen bis heute davon. Aber auch in der weltlichen Sphäre, etwa am Hof Karls des Großen, stellten die Edlen ihren Perlenschmuck und ihre kostbaren Gewänder zur Schau.

Perlen im Mittelalter

Viele dieser alten Prunkgegenstände sind heute nicht mehr erhalten, weil sie bei den Einfällen der Wikinger zerstört wurden. Im Hochmittelalter erlebte die Popularität der Perle jedoch einen neuen Aufschwung, und auch eine neue Verwendungsweise wurde entdeckt: Mit den Kreuzzügen kam im 11. und 12. Jahrhundert die Technik der Perlenstickerei nach Europa, die auch im Roman von Sabine Weiss eine große Rolle spielt. Damit konnten Textilien so prächtig verziert werden wie nie zuvor, was besonders an zeremoniellen Gewändern sichtbar wurde. Die zurückgekehrten Kreuzritter etablierten die Perlen als ein Merkmal der herrschenden Schicht und zogen sie sogar den herkömmlichen Edelsteinen vor. Elisabeth Strack schreibt, dass manch ein Ritter «seine gesamte Perlenausstattung mit in den Krieg»19 genommen hätte. Es konnte sich also mit um die wertvollsten Besitztümer handeln, welche die Leute besaßen.

Ein reich mit Perlen besticktes Reliquiar.
Reliquiar des heiligen Eleutherius in der Schatztkammer der Münchner Residenz. Man beachte die erlesenen Perlenstickereien auf dem Kissen!
(Bildquelle20)

Wie genau Perlen entstehen, verstanden die Menschen dabei lange nicht, und wahrscheinlich fanden sie diese oft zufällig, wenn sie Muscheln für den Verzehr ernteten. Perlen sind gewissermaßen ein Zufallsprodukt, das gebildet wird, wenn Zellen aus dem «Mantel» der Muschel (dieser ist mit der Schale verwachsen) in das darunterliegende Bindegewebe eindringen. Beispielsweise aufgrund einer Verletzung. Diese Zellen bilden dann im weichen Gewebe der Muschel einen sogenannten Perlsack. Dieser sondert Perlsekret ab und formt so langsam, aber sicher eine Perle. Die Schätzungen darüber, in wie vielen Muscheln sich statistisch eine Perle findet, variieren von 500:1 bis 1.000.000:1.21

Zerstörte Schönheit der Perlen

Lange Zeit gab es Süßwasserperlen auch im heutigen Deutschland. Sie kommen in der Flussperlmuschel, Margaritifera Margaritifera, vor. Bereits in der Vergangenheit war es den gewöhnlichen Leuten strengstens verboten, in den Flüssen nach Perlen zu suchen. Die Wilderei wurde von der Obrigkeit, die das Monopol auf die Perlenfischerei hatte, in den meisten Territorien hart bestraft. Es gab in späteren Jahrhunderten sogar offiziell beamtete Perlensucher, die auf die Bestände achteten und Perlen ernteten.22 So muss auch Ida im Roman, die damit gelegentlich die Familienkasse aufbessert, sehr vorsichtig sein, um nicht beim Perlentauchen erwischt zu werden. Es war ebenso verboten, Muschelbänke zu zerstören. Bisweilen wurden auf Anordnung Bäume entlang der Ufer gefällt, wenn ihretwegen «die Perlen in ihrem Wachsthum und Gedeihen gehindert würden dadurch, daß ihnen das Sonnenlicht entzogen würde»23.

Eine Briefmarke zeigt die Flussperlmuschel, auch wenn dieses Exemplar keine Perlen trägt.
Briefmarke der Deutschen Post von 2002, die die Flussperlmuschel würdigt.
(Bildquelle24)

Perlmuscheln sind ziemlich empfindliche Lebewesen und benötigen extrem sauberes und gesundes Wasser, um existieren zu können. Ursprünglich war sie in weiten Teilen des nördlichen Europas verbreitet. Durch ihre Empfindlichkeit ist sie ein guter Umweltindikator und das erklärt auch, weshalb die Flussperlmuschel heute vom Aussterben bedroht ist. Es heißt sogar, dass sich ihr Bestand im Laufe des 20. Jahrhunderts um ganze 90% verringert habe.25 Ursachen für die Gefährdung sind menschliche Eingriffe in die Flussläufe, die in der Vergangenheit rücksichtslose Perlenfischerei im größeren Stil (heute komplett verboten) und allen voran die Verschmutzung der Gewässer, die seit der Industrialisierung immer dramatischer wurde. Inzwischen gibt es zahlreiche Schutzprojekte, in Deutschland etwa in Bayern und Sachsen. Aber auch in der Lüneburger Heide, wo ja der Roman «Die Perlenfischerin» spielt, gibt es noch kleinere Vorkommen.26 So schließt sich der Kreis: Was früher in größeren Mengen vorhanden war und der Gier der Menschen und ihrer Rücksichtslosigkeit zum Opfer fiel, muss heute mühsam erhalten werden. Schaut man sich unseren heutigen Umgang mit der Umwelt an, treiben wir schließlich noch weitaus schlimmeren Raubbau als die Menschen im Mittelalter.

4. Rezension

Cover des Romans "Die Perlenfischerin" von Sabine Weiss.
Sabine Weiss, Die Perlenfischerin, Bastei Lübbe.

In «Die Perlenfischerin» erfahren wir eine ganze Menge über die politischen Wirren der Jahrzehnte um 1200 – von der Zerstörung Bardowicks bis hin zum deutschen Thronstreit. Aber der historische Roman ist auch reich gespickt mit Details über das Alltagsleben, die handwerkliche Kultur und die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen. Egal ob einzelne Berufsbilder oder rechtliche Regelungen, die Autorin hat sorgfältig recherchiert und zeigt plausibel auf, wie sich die damaligen Gesetze und Abhängigkeitsverhältnisse auf die Schicksale der Menschen auswirkten. Dadurch ermöglicht sie ihren Lesern, sich tief in die Welt des Hochmittelalters hineinzuversetzen. Wie ausführlich sie sich damit beschäftigt hat, beweist Sabine Weiss auch in ihrem Nachwort, in dem sie zu verschiedenen Themen des Romans nützliche Literaturtipps und Abhandlungen nennt – so etwas finde ich ganz wunderbar! Auch auf ihrer Homepage, wo es sogar einen Podcast zu den historischen Themen ihrer Bücher gibt, wartet sie mit viel Hintergrundwissen auf.

Besonders interessant fand ich am Roman «Die Perlenfischerin» aber nicht (nur) den Einblick in die mittelalterliche Lebenswelt, sondern die Verknüpfung mit einem hochaktuellen Thema: dem Artenschutz. Die Flussperlen sind ein wiederkehrendes Motiv in Idas Geschichte, und es ist Sabine Weiss ein erkennbares Anliegen, damit auf die Schönheit, aber auch die heutige Gefährdung der Flussperlmuschel hinzuweisen – sie hat ihren Roman diesen faszinierenden Lebewesen gewidmet. Ich halte es für eine hervorragende Idee, sich mit einem historischen Roman auch für ein so augenscheinlich weit von der Historie entferntes Interesse einzusetzen, und das macht «Die Perlenfischerin» für mich zu einem besonderen Roman.

Sabine Weiss bearbeitet in ihrem Roman also eine Vielzahl an Themen, die alle fundiert wiedergegeben sind. Wir begleiten Ida, ihre Familie und ihre Freunde über viele Jahrzehnte und durch zahlreiche politische Ereignisse. So interessant ich die Schilderungen der einzelnen Aspekte fand, hatte ich bisweilen das Gefühl, dass zu viel in den Roman gepackt wurde, weil es doch ein paar Längen gab. Beispielsweise hätte Idas Aufwachsen bei der Kräuterfrau Neslin ein wenig reduziert werden können. Ich war sehr froh, dass Ida einen anderen Weg ging und wir es dann doch nicht so stark mit dem (für Mittelalter-Romane anscheinend obligatorischen) Heilerinnen-Thema zu tun hatten. So ist Ida natürlich besonders am Anfang die etwas typische, eine Spur zu emanzipierte Protagonistin. Das ändert sich aber im weiteren Verlauf ein wenig und es wird spürbar, wie sie sich trotz ihrer eher freigeistigen Haltung den Zwängen ihrer Zeit zumindest einigermaßen unterwerfen muss.

Positiv hervorzuheben ist, dass all die beschriebenen Elemente sehr rund und schlüssig miteinander verwoben werden, alles fügt sich in die Handlung ein und passt gut zusammen. Gestrafft hätte ich hier also nur zu Gunsten des Spannungsbogens, anstatt immer neue dramatische Ereignisse über die Protagonisten hereinbrechen zu lassen. Außerdem habe ich mich durch einige größere Zeitsprünge oft wieder von den Figuren entfernt. Da hätte ich mir gewünscht, eine kürzere Zeitspanne genauer zu verfolgen und dafür näher an den Charakteren zu bleiben. Diese sind nämlich durchaus vielschichtig, eigensinnig und interessant gestaltet.

Die Erzählweise hat mich hier und da also nicht ganz überzeugt, für mich überwiegen aber die interessanten Themen, die im Roman so kenntnisreich geschildert werden, und die tiefgründige Recherche, die die Autorin geleistet hat. Wer sich also für fundiert beschriebene historische Begebenheiten interessiert und dabei über die ein oder andere Schwäche der Story hinwegsehen kann, ist mit «Die Perlenfischerin» sehr gut beraten.

Sabine Weiss: Die Perlenfischerin, erschienen im März 2019 im Bastei Lübbe Verlag.

>>Link zum Verlag<<

  1. Uta Reinhardt: Bardowick – Lüneburg – Lübeck, in: Ahlers, O./Graßmann, A./Neugebauer, W. und Schadendorf, W. (Hgg.): Lübeck 1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, Lübeck 1976, S. 207-225, hier S. 209-210.
  2. Karte Bardowicks, Stich von Frans Hogenberg, 1599, hochgeladen von AxelHH, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54764173, Zugriff am 26.11.2019.
  3. Uta Reinhardt: Bardowick – Lüneburg – Lübeck, in: Ahlers, O./Graßmann, A./Neugebauer, W. und Schadendorf, W. (Hgg.): Lübeck 1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, Lübeck 1976, S. 207-225, hier S. 212-213.
  4. Schlöpke, Christian: Chronicon oder Beschreibung der Stadt und des Stiffts Bardewick Vor und nach der Zerstörung: Darinn zugleich unterschiedliches von dem Zustand des alten Sachsen-Landes so wohl im Heydenthum als nach eingeführter Christlichen Religion enthalten, Lübeck, 1704, S. 205. Digitalisat online verfügbar unter: https://books.google.de/books?id=oPY-AAAAcAAJ&hl=de&pg=PP1#v=onepage&q&f=false.
  5. Buchseite mit Miniatur Heinrichs des Löwens, Scan aus: Jörg Peltzer: Der Rang der Pfalzgrafen bei Rhein. Die Gestaltung der politisch-sozialen Ordnung des Reichs im 13. und 14. Jahrhundert. Ostfildern 2013, S. 359, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46821978, Zugriff 26.11.2019.
  6. Thomas, Dennis: Archäologen auf den Spuren Heinrichs des Löwen, LZonline, publ. 02.01.2017, online verfügbar unter https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/392304-archaeologen-auf-spuren-heinrichs-des-loewen.
  7. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart, 2014, S. 242.
  8. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart, 2014, S. 243.
  9. Miniatur mit Philipp von Schwaben auf einer Buchseite, http://www.e-codices.unifr.ch/en/list/one/vad/0321, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23244726, Zugriff am 26.11.2019.
  10. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart, 2014, S. 243.
  11. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart, 2014, S. 243-244.
  12. Otto IV. und Innozenz II., Werkstatt Diebold Lauber, um 1450 – Cod. Pal. germ. 149, Martinus Oppaviensis, Chronicon pontificum et imperatorum, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg149/0434/image, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=454337, Zugriff 26.11.2019.
  13. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart, 2014, S. 252-.
  14. Nyberg, Tore: Kreuzzug und Handel in der Ostsee zur dänischen Zeit Lübecks, in: Ahlers, O./Graßmann, A./Neugebauer, W. und Schadendorf, W. (Hgg.): Lübeck 1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, Lübeck 1976, S. 173-206.
  15. Strack, Elisabeth: Perlen, Stuttgart 2001, S. 17-22.
  16. Rückert, Friedrich: Angereihte Perlen, in: Ders.: Erzählungen. Wanderung. Pantheon, vollständiger Neusatz von Michael Holzinger, Berlin 2013, S. 109. Online zugänglich: http://www.zeno.org/Lesesaal/N/9781482711523.
  17. Kaiserin Theodor,a Von Meister von San Vitale in Ravenna – Scan von Szilas aus A magyar Szent Korona by Tóth Endre, Szelényi Károly, Kossuth 2000, Budapest, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24023857, Zugriff am 26.11.2019.
  18. Strack, Elisabeth: Perlen, Stuttgart 2001, S. 23.
  19. Strack, Elisabeth: Perlen, Stuttgart 2001, S. 26.
  20. Reliquiar des heiligen Eleutherius, Foto von Jebulon, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32308459, Zugriff am 26.11.2019.
  21. Strack, Elisabeth: Perlen, Stuttgart 2001, S. 113-119.
  22. Jahn, Johann Gottlieb: Die Perlenfischerei im Voigtlande in topographischer, natur- und zeitgeschichtlicher Hinsicht, Oelsnitz 1854, S. 62-68, Digitalisat online verfügbar unter: https://books.google.de/books?id=dPpIAAAAIAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false.
  23. Jahn, Johann Gottlieb: Die Perlenfischerei im Voigtlande in topographischer, natur- und zeitgeschichtlicher Hinsicht, Oelsnitz 1854, S. 132, Digitalisat online verfügbar unter: https://books.google.de/books?id=dPpIAAAAIAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false.
  24. Briefmarke, Foto von Günter Jacki für das Bundesministerium der Finanzen und die Deutsche Post AG – Deutsche Post AG, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10113863, Zugriff am 26.11.2019.
  25. LIFE Projekt Flussperlmuschel: Gefährdungen, http://www.margaritifera.eu/de/2_5.php?nav_id=2_5, Zugriff am 18.11.2019.
  26. Strack, Elisabeth: Flussperlmuschel: Die wichtigsten Vorkommen in Europa, http://www.beyars.com/de_flussperlmuschel-elisabeth-strack-vorkommen-europa.html, Zugriff am 18.11.2019.

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