Mann wird von Raben angefallen, Cover-Ausschnitt

Totenruhe? Weit gefehlt! | Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen

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Vom Cimetière des Saints-Innocents in die Katakomben von Paris 

Hier ist er also, der erste Beitrag auf dem bis dato jungfräulichen Blog. Vielleicht ist ein Friedhof nicht gerade das optimale Thema für einen euphorischen Anfang – interessant ist es aber auf jeden Fall, ich hatte bei der Recherche eine Menge Spaß (und gewann die Erkenntnis, dass mein Französisch ziemlich eingerostet ist…). Außerdem spielt das Buch in Paris, und dahin lässt man sich doch immer gerne entführen. Viel Spaß beim Lesen!

1. Der Friedhof als sozialer Ort

Heute gelten Friedhöfe gemeinhin als Orte der Ruhe und des stillen Gedenkens – doch das war nicht immer so. Als im Jahre 1780 die Auflösung des Cimetière des Saints-Innocents, einem der wichtigsten Friedhöfe in Paris, beschlossen wurde, verloren die Toten nicht nur ihren Platz inmitten der Gemeinschaft der Lebenden. Den Parisern wurde damit auch ein wichtiger Schauplatz städtischen Lebens genommen. 1

Als der „Friedhof der Unschuldigen“2 vor dem 10. Jahrhundert angelegt wurde, befand er sich im Norden von Paris. Mit dem Wachstum der Stadt wurde er nach und nach von dem Stadtteil umschlossen, den wir heute als Les Halles kennen. Im Viertel florierten der Handel und die Märkte, was schon bald auf den Friedhof abfärbte. Er zog Händler, Tiere, Passanten und gar Prostituierte an, sodass sich König Philipp II. im Jahr 1186 gezwungen sah, das Gelände einmauern zu lassen.3 Die Weißwäscherinnen („lingères“) erhielten als erste eine offizielle Genehmigung, sich unmittelbar an der Friedhofsaußenmauer anzusiedeln – so entstand die Rue de la Lingerie, die noch heute so heißt.4

Doch nicht nur in direkter Nachbarschaft zur geweihten Erde waren Leben und Tod gemeinsam allgegenwärtig. Davon zeugen die Arkaden und Galerien mit Beinhäusern, die zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert entlang der Friedhofsmauern gebaut wurden. Durch diese Wandelgänge flanierten im 17. und 18. Jahrhundert Kaufleute und ihre Kunden.5

 

Der Cimetière des Saints-Innocents im 16. Jahrhundert

Eine Rekonstruktion, wie der Friedhof um 1550 ausgesehen haben könnte.

(Bildquelle6)

Religiöse und weltliche Aspekte des Lebens gingen hier Hand in Hand. So wurden auch Kerzen, Votivbilder und Stundenbücher verkauft, um dem Glauben Tribut zu zollen. Am Abend nahmen die Händler ihre Habseligkeiten und ihren tragbaren Verkaufsstand unter den Arm und verschwanden, um am nächsten Tag ihr Werk von Neuem zu beginnen.7 Es war völlig üblich, dass man unter dem Friedhof einen öffentlichen Ort verstand, an dem Obdachlose Schutz suchten, Stadtbewohner ihre Ruhepausen genossen und ihren Geschäften nachgingen – teilweise wird das Bild einem Jahrmarkt geglichen haben, was heute wohl undenkbar wäre.8

2. Totentanz

Nicht nur wegen seiner Anziehungskraft für die Stadtbevölkerung, sondern auch für das früheste monumentale Totentanz-Fresko ist der Cimetière des Saints-Innocents bekannt. Es wurde um 1425 erschaffen und war Vorbild für viele andere Totentanz-Darstellungen in ganz Europa.9 Wäre es nicht um 1669 zerstört worden (wahrscheinlich im Zuge der Verbreiterung der Rue de la Ferroniere)10, hätten die Protagonisten des makaberen Reigens wahrscheinlich mit einer gewissen Ironie oder Befremdung auf das bunte Treiben der Lebenden herabgeblickt.

Die Ursprünge des Totentanzes beruhen möglicherweise auf der folkloristischen Vorstellung, die Toten würden nachts ihre Gräber verlassen, um herumzugeistern und zu tanzen.11 Die stets höhnisch grinsenden Skelette repräsentieren den Tod auf anschauliche Weise – und als wäre das nicht gruselig genug, haben sie eine eindeutige Botschaft im Gepäck. Die abgebildeten Personen, die einen Querschnitt der damaligen Gesellschaft zeigen, befinden sich im Dialog mit einer toten Version ihrer selbst. Von Papst und König über Gelehrte und Arbeiter bis hin zum Kind in der Wiege, sie alle mahnen, dass der Tod unterschiedslos zu allen komme. Das memento mori war nicht nur in der späteren Barockzeit ein beliebtes Motiv, um die Menschen daran zu erinnern, dass sie sich besser ihrem ewigen Seelenheil und den guten Taten widmen sollten, anstatt die Endlichkeit des Lebens zu ignoreren und sich irdischen Eitelkeiten hinzugeben.12

Arkaden mit Gebeinen und Totentanz-Fresko auf dem Cimetière des Saints-Innocents in Paris

Eine wohl nicht zeitgenössische Darstellung der Arkaden mit Dachkammern und Teilen des Totentanzes.

(Bildquelle13)

Nun hat das Ideal bisweilen nicht so viel mit der Wirklichkeit zu tun, und die Pariser ließen sich offenbar nicht weiter dabei stören, um die Gräber herum ihrem höchst lebendigen Tagwerk nachzugehen. Der Tod war aufgrund von Kriegen, Seuchen und der allgemein geringeren Lebenserwartung sowieso allgegenwärtig. Nicht nur, dass man sich eben daran gewöhnt hatte, sondern besonders auch die Funktion des Friedhofs als Dreh-und Angelpunkt sozialer Interaktion waren wohl Gründe für die Proteste, die die Aushebung des Cimetière des Saints-Innocents begleiteten.14

3. Der Friedhof wird aufgelöst

Diese Maßnahme erwies sich allerdings als bitter nötig. Der Friedhof bestand vor allem aus Massengräbern, in denen jahrhundertelang die Toten aus 20 Pfarrbezirken bestattet wurden. Daraus ergab sich nicht nur ein Platz-, sondern vor allem ein Hygieneproblem. Nach möglichst kurzer Zeit grub man die Toten wieder aus und verlegte sie in die Beinhäuser und deren Dachkammern entlang der Arkaden, um in den Gräbern Platz für neue Leichen zu schaffen. Irgendwann konnte der Boden derartige Mengen an Toten kaum mehr aufnehmen, sodass sie häufig nicht mehr richtig verwesten. In einer Epoche mit ohnehin unzureichenden sanitären Verhältnissen war das für die Anwohner fatal. Den Ausdünstungen des Friedhofs wurde nachgesagt, sie ließen Milch gerinnen, Wein zu Essig werden und Fleisch innerhalb von Augenblicken verfaulen.15

Der Cimetière des Saints-Innocents im 18. Jahrhundert

Den Tod als Nachbarn – so könnte der Cimetière des Saints-Innocents im 18. Jahrhundert ausgesehen haben.

(Bildquelle16)

Am 30. Mai 1780 brach eines der Gräber auf. Der wenig appetitliche Inhalt ergoss sich in die Keller der angrenzenden Häuser; angeblich sollen an den giftigen Faulgasen sogar Menschen gestorben sein. Der König reagierte mit dem Befehl, den Friedhof aufzulösen. Bis zur Durchsetzung dieser Entscheidung sollte es jedoch noch einige Jahre dauern, hatte sich doch die Kirche mit den Einnahmen durch die stetig gestiegenen Bestattungsgebühren ziemlich gut arrangiert.

Am Ende half jedoch alles nichts, und im April 1786 wurden die Katakomben, ehemalige Steinbruchstollen unter dem 14. Arondissement, als Grabstätte gesegnet und die sterblichen Überreste der unzähligen Menschen in nächtlichen Fackelzügen umgebettet.17

Bei der Exhumierung  zeigten sich die Pariser pragmatisch: aufgrund von Sauerstoffmangel beim Verwesungsprozess waren oftmals große Mengen an Fett und anderen Flüssigkeiten zurückgeblieben. Laut eines 1852 bei Scientific American veröffentlichten Artikels wurden diese Rückstände, immerhin mehrere Tonnen, weggeschafft, um sie zu Kerzen und Seife zu verarbeiten.18 Vermutlich ein Job für Leute mit einem starken Magen, was im Übrigen für das gesamte Projekt der Friedhofsauflösung gegolten haben dürfte.

3.1. Umzug in die Katakomben

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden alle innerstädtischen Friedhöfe aufgelöst und die Gebeine in die Katakomben überführt – dort befindet sich nun die letzte Ruhestätte von etwa 6 Millionen Parisern.19 Ihre Namen sind für immer verloren, doch zumindest die Friedhöfe, von denen sie kamen, sind sorgfältig auf Steintafeln vermerkt. Viele bekannte Einwohner müssen unter den Toten sein – vom Schriftsteller Rabelais über den Philosophen Montesquieu oder die berühmte Mätresse Madame de Pompadour bis hin zu den Revolutinären Danton und Robespierre. Doch ihre Namen zählen nichts mehr – ganz im Sinne der Totentanz-Thematik sind im Tod alle gleich.

Es ist eine gewisse Ironie: Die Steine wurden aus ihren unterirdischen Stollen nach oben ans Licht gebracht, um die Grundlage für die großartigsten Bauwerke der Stadt zu bilden – während die Menschen, die diese erschufen, für immer anonym unter der Stadt zur Totenruhe gebettet wurden.

Ob man dabei von wirklich „ruhen“ sprechen kann, ist Ansichtssache.  Die sorgfältig und dekorativ gestapelten Gebeine ziehen heute als schaurig-schöne Touristenattraktion etwa 200.000 Besucher  im Jahr an. Am Barbaratag dürfen 200 Schüler der Pariser Bergbauschule den Feiertag ihrer Patronin in den Katakomben begehen (solange sie hinterher aufräumen) und darüber hinaus hat sich eine ganze Untergrund-Community,  die „cataphiles“ gebildet, deren Mitglieder sich für ihre Streifzüge auch in die nicht-öffentlichen Bereiche wagen und die Behörden immer wieder austricksen.20

Kunstvoll arrangierte Gebeine in den Katakomben von Paris

Die Katakomben haben eine eigenwillige und doch sehr faszinierende Atmosphäre.

(Bildquelle21)

Die Pariser leben nicht mehr Wand an Wand mit den Toten wie einst zur Zeit des Cimetière des Saints-Innocents, präsent sind sie aber noch immer. Auch, wenn am Eingang der Katakomben ein Schild warnt: „Arrète! C’est ici l’Empire de la Mort“ (etwa: „Halt! Hier beginnt das Reich des Todes“). Hier lebt das memento mori der Vormoderne weiter.

4. Rezension

Das Cover des Romans "Friedhof der Unschuldigen" von Andrew Miller

Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen, dtv.

In „Friedhof der Unschuldigen“ schildert Andrew Miller die Auflösung des Cimetière des Saints-Innocents aus der Sicht von Jean-Baptiste Baratte, einem jungen, idealistischen Ingenieur, der mit der schaurigen Aufgabe betraut wird, die Arbeiten zu betreuen. „Ebensosehr wie mit den Toten wird er sich mit den Lebendigen auseinandersetzen müssen“ (S. 50), das merkt er schon bald. Vergangenheit und Fortschritt stehen sich in den Jahren vor der Französischen Revolution gegenüber, und der naturwissenschaftlich interessierte und aufgeklärte Baratte muss lernen, dass mit reiner Vernunft nicht alle Probleme zu lösen sind. Die Anwohner haben  ihre ganz eigene Beziehung zum Friedhof und seinen Toten entwickelt, und nicht alle freuen sich, ihn loszuwerden. Während Baratte sich so manche Grundfrage des Lebens stellt und inmitten des Todes in die tiefsten menschlichen Abgründe blickt, wirft der große Umsturz bereits seine Schatten voraus.

Miller zeichnet das vorrevolutionäre Paris außerordentlich lebendig und mit einem großartigen Gespür für Details – man meint, den Verwesungsgeruch selbst zu riechen, während die Charaktere sich auf verschiedenste Weise entfalten und mit ihrer sich verändernden Welt konfrontiert werden. Sie alle sind treffend beschrieben, und man hat das Gefühl, ihren Alltag und ihr Innenleben nachzuempfinden, egal, ob es sich um die kluge Prostituierte Heloïse, den Organisten Armand, der für seine leere Kirche musiziert, oder die schwatzhafte Madame Monnard mit ihrer Tochter handelt. Baratte als Fremder aus der Normandie bleibt dabei teilweise überraschend blass, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.

Der großartige Eindruck, man würde sich direkt ins Paris des 18. Jahrhunderts begeben, entsteht besonders durch Millers eloquente Sprache, die zugleich bildhaft und präzise ist. Die Atmosphäre ist stets greifbar, und wegen der ungewöhnlichen Kombination von Friedhofs-Thematik und lebendigem Personal hat mir der Roman durch und durch viel Freude bereitet.

Um die vielen Anspielungen und Symbole zu verstehen, ist es wahrscheinlich hilfreich, wenn man sich schon ein wenig mit der französischen Geschichte, der Aufklärung und dem Weg zur Französischen Revolution auskennt. Wenn nicht, bietet „Friedhof der Unschuldigen“ einen hervorragenden Anreiz dafür, sich mit dieser spannenden Zeit auseinanderzusetzen.

Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen, erschienen im Jahr 2015 bei dtv, 384 Seiten.

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Artikel herunterladen:
  1. Metayer, Christine: Un espace de vie. Les charniers du cimetière des SS. Innocents à Paris, sous l’Ancien Régime, in: Journal of the Canadian Historical Association 4 (1/1993), S. 183-206, hier S. 184.
  2. Der Name leitet sich von der biblischen Geschichte über den Kindermord in Betlehem ab.
  3. Metayer, Un espace de vie, S. 188.
  4. Ebd.
  5. Metayer, Un espace de vie, S. 189-190.
  6. Theodor Josef Hubert Hoffbauer, Scan von Jebulon, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e2/Saints_Innocents_1550_Hoffbauer.jpg (Abruf 12.02.2017).
  7. Ebd.
  8. Metayer, Un espace die vie, S. 185.
  9. Oosterwijk, Sophie: Of Corpses, Constables and Kings. The Danse Macabre in Late Medieval and Renaissance Culture, in: Journal of the British Archaeological Association 157 (1/2004), S. 61-90, hier S. 66.
  10. Oosterwijk, Sophie: Of Dead Kings, Dukes and Constables. The Historical Context of the Danse Macabre in Late Medieval Paris, in: Journal of the British Archaeological Association 161 (1/2008), S. 131-162, hier S. 137.
  11. Oosterwijk, Of Corpses, Constables and Kings, S. 64-65.
  12. Ebd., S. 66.67.
  13. http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm (Abruf 12.02.2017)
  14. Metayer, Un espace de vie, S. 186-187.
  15. Gup, Ted: Empire of the Dead, in: Smithsonian 31 (1/2000), S. 106-120. Genaue Seitenangabe aufgrund der Online-Darstellung des Textes nicht möglich.
  16. http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm (Abruf 12.02.2017)
  17. Gup, Empire of the Dead.
  18. Kamelek, Mary: You (posthumously) light up my life, in: Scientific American, publ. 15.04.2011, online verfügbar unter https://blogs.scientificamerican.com/anecdotes-from-the-archive/you-posthumously-light-up-my-life/, Zugriff am 12.02.2017.
  19. http://www.catacombes.paris.fr/fr/les-catacombes, Zugriff am 12.02.2017.
  20. Gup, Empire of the Dead.
  21. Shadowgate from Novara, ITALY – Catacombes, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41227398 (Abruf 12.02.2017).

7 thoughts on “Totenruhe? Weit gefehlt! | Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen

  1. Therry

    Ich habe es ja schon vor deinem Artikel vermutet, aber jetzt bin ich mir doch sehr sicher, dass das Buch so bald wie möglich auch in mein Regal einziehen darf 😉

  2. Ilona

    Wenn auch deine zukünftigen Beiträge so interessant und ausführlich werden, dann darf man sich schon mal freuen. Ich greife selten nach historischen Büchern, aber das könnte sich dann durchaus ändern…. Vielleicht steht „Friedhof der Unschuldigen“ auch bald in meinem Bücherregal??

  3. Pingback: Wettlauf gegen die Pest | Daniel Wolf: Die Gabe des Himmels | Geschichte in Geschichten

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