Geschichte ist immer da.

Wie mich der Blick in die Vergangenheit momentan tröstet

Was hat die Geschichte mit der Corona-Epidemie zu tun? Mit Ansage, aber für das konkrete Leben dann doch irgendwie plötzlich, steht die Welt gerade Kopf. Was zunächst nur ein paar nervige Konsequenzen hatte, wie etwa die Absage der Leipziger Buchmesse, hat sich zu einem Notstand mit erheblichen Einschränkungen entwickelt. Wer es irgendwie möglich machen kann, gehört nach Hause, und wer arbeiten muss, um unsere Versorgung zu gewährleisten, hat meinen größten Respekt.

Nun ist für mich als Bücherwurm, der ohnehin viel Zeit für sich braucht, das Daheimbleiben ein relativ geringes Problem, und ich habe zudem noch das Glück, ohnehin sowohl meine Masterarbeit als auch meinen Nebenjob virtuell erledigen zu können. Die „Corona-Krise“ zeigt mir dennoch vor allem zwei Dinge.

Erstens: Wie unglaublich privilegiert wir (ich, mein Umfeld, viele Menschen hierzulande) eigentlich sind. Dass es eine fast unerträgliche Einschränkung bedeutet, nun eben nicht nach Lust und Laune ins nächste Eiscafé, zur Shoppingtour, einem Event oder in den Urlaub gehen zu können, beweist umgekehrt, dass wir uns normalerweise ungehindert und frei bewegen, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Offene Grenzen, ein weitgehend sicherer öffentlicher Raum und nahezu keine Vorschriften sind für viele von uns eine selbstverständliche Realität. Die wird wiederkommen, und vielleicht schätzen wir sie dann ein bisschen mehr als vor der Epidemie. Und bis dahin besinnen wir uns doch darauf, dass es wirklich schlimmeres gibt, als zum Schutze aller vorübergehend auf Rausgehen und Geselligkeit zu verzichten. Zumal uns das Internet die Möglichkeit bietet, virtuell zusammenzurücken und in Kontakt zu bleiben, uns auszutauschen und zu unterhalten.

Der Blick zurück beruhigt

Zweitens: Geschichte ist immer da. Und sie tröstet. Genau wie die Bücher, mit denen ich mich umgebe. Wenn ich die Seiten aufschlage und mich in die Welt der Geschichten begebe, vergesse ich die Situation um mich herum, den Ausnahmezustand, und ich schaue nicht ständig in die Nachrichten, um mich mit der Krise zu konfrontieren. Der Kopf kann abschalten. Und in den letzten Tagen habe ich mir einige Gedanken darüber gemacht, warum es für mich nicht nur die Bücher an sich (das kann ja vom Krimi bis zu Science-Fiction alles bedeuten) sind, die mir helfen, sondern ganz besonders die Geschichte, die Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.1

Damit hat Albert Einstein natürlich recht, denn uns allen sollte die Zukunft und ihre möglichst positive Gestaltung ein Anliegen sein. Aber die Zukunft birgt, gerade in unsicheren Zeiten, eine große Ungewissheit, die unangenehm sein kann. Man könnte jetzt sagen, dass das ja auch spannend sei (was stimmt), und die Vergangenheit dagegen langweilig, denn die ist ja schon passiert und ändert sich nicht mehr. Was nicht ganz stimmt, denn wie wir sie deuten, wahrnehmen und verstehen, ändert sich immer wieder ganz erheblich. Wir gewinnen aus dem Vorhandenen nach wie vor neue Erkenntnisse und Einsichten. Aber dass die Geschichte schon geschehen ist, bedeutet für mich noch etwas anderes: Beständigkeit.

Beständigkeit im Unbeständigen

Ob in historischen Romanen oder Geschichtsbüchern, wir beschäftigen uns oft mit den menschlichen Dramen und Katastrophen und den brachialen Änderungen vergangener Lebenswelten. Was uns mal mehr, mal weniger abstrakt als Ereignis oder in Zahlen präsentiert wird, war für die denkenden und fühlenden Menschen der Vergangenheit nicht weniger real, als es die tagesaktuellen Geschehnisse heute für uns sind. Und trotzdem hat sich die Welt weitergedreht. Umgekehrt könnte man natürlich sagen, dass der Einzelne nichts zählt, der Tod unaufhaltsam ist und man gegen manche Schicksalsschläge machtlos ist – so negativ meine ich es aber nicht. Die Geschichte, die in ihrer Ereignishaftigkeit abgeschlossen ist, stellt für mich ein festes, relativ unverrückbares Umfeld dar, in das ich wieder und wieder zurückkehren kann – so, wie in der physischen Realität meine Wohnung, meine Bücher und meine Mitmenschen ein Stückchen Sicherheit bedeuten.

Ein Stapel Bücher, in dem es um Geschichte geht: Romane und Sachbücher.
Die Welt der Vergangenheit wartet auf mich.

Mich mit den Themen zu beschäftigen, die mich auch sonst umgeben, ist vielleicht ein bisschen, wie einen guten Film ein zweites Mal anzusehen: Man kennt das Ende schon, genießt aber den Weg da hin, entdeckt neue Details und ist auch ein Stück weit beruhigt, weil es keine bösen Überraschungen gibt… Cäsar ist immer noch Cäsar, das Schicksal von Marie Antoinette unausweichlich, die Reformation immer noch passiert. Und das Buch, das ich gestern zugeklappt habe, hat heute noch denselben Inhalt, ich kann an der letzten Stelle einfach weiterlesen und verpasse nichts. „Warum beschäftigst du dich so viel mit Leuten, die seit einer Ewigkeit tot sind?“, werde ich oft gefragt. Vielleicht liegt es an der Abgeschlossenheit. Unser eigenes Leben, unsere eigene Zeit, können wir nur ganz begrenzt beurteilen, das Hier und Jetzt erlaubt keine Rückschau. Abgesehen davon, dass uns die Vergangenheit formt, es kein Heute ohne Gestern gibt, ist das Geschehene unveränderlich und steht bereit, um von uns erkundet, beschrieben und beurteilt zu werden. Die Ereignisse haben zwar geendet, die Beschäftigung damit ist aber endlos und fühlt sich für mich an wie ein sicherer Hafen, in dem ich mich umtun kann.

Nichts ist beruhigender als Bücher

Und da wären wir wieder bei der Wichtigkeit der Bücher. Was das angeht, hat die Krise dann doch ganz handfeste Auswirkungen auf meine Arbeit: Die Bibliothek ist geschlossen. Für das Fach Geschichte heißt das, dass der Löwenanteil der Literatur, auf die ich bislang bequem zugreifen konnte, nicht mehr verfügbar ist. Einige Einzelartikel, aber bloß die wenigsten Bücher, sind digital vorhanden. Auch hier ist wieder das Privileg zu spüren, normalerweise einen so uneingeschränkten Zugang zu Wissen und Forschung zu haben. Sowohl für die Masterarbeit als auch den März-Artikel hier auf „Geschichte in Geschichten“ habe ich zum Glück noch vor der Schließung das nötigste Material ergattern können. Für den April-Beitrag muss ich wahrscheinlich erfinderisch werden, aber es wird Mittel und Wege geben. Und zum Glück ist für den privaten Lesespaß auch weiterhin gesorgt: Nicht nur zahlt es sich jetzt endlich aus, dass ich immer mindestens zehn ungelesene Bücher horte, auch die meisten Buchhandlungen können noch Bestellungen bearbeiten und ausliefern – sie zu unterstützen hilft der Branche besser durch die Krise, als ein gewisses großes Versandhaus mit A zu nutzen. Und E-Books sind natürlich sowieso weiterhin verfügbar. Mittels historischer Romane werde ich mich also nach wie vor in die Vergangenheit flüchten.

Das Eintauchen in die Geschichte ist wie ein Versprechen für mich (zu sehen ist ein Stapel mit historischen Romanen).
Jedes Buch hält ein Versprechen bereit.

Das alles ist natürlich letztlich ein Luxusproblem – aber für mich ist jedes Buch ein Versprechen, getragen von Spannung, Entspannung, Spaß, Ablenkung, Emotionen. Und Stabilität. Denn nicht nur die Geschichte, sondern auch die Geschichten sind immer da. Um uns zu beruhigen, zu bilden und zu bestärken, wie es in meinem Fall die Beschäftigung mit der Vergangenheit ganz besonders tut. Gerade gestern habe ich ein schönes Zitat über den Nutzen der Geschichte gefunden:

Sie sollte das Einzigartige jeder Zeit, das Gewordensein der Gegenwart, erklären und die Offenheit der Zukunft aushalten helfen.2

***

Die Zukunft ist offen, und dieser Tage spüren wir das ganz besonders. Helft bei der Eindämmung der Krankheit, haltet euch nach Möglichkeit fern von anderen (aber tut euch virtuell zusammen) und greift zu guten Büchern. Und bleibt vor allem so gesund, wie es nur geht!

***

  1. Quelle wird nachgereicht…
  2. Barbara Korte und Sylvia Paletschek: Geschichte in populären Medien und Genres: Vom Historischen Roman zum Computerspiel, in: Barbara Korte und Sylvia Paletschek (Hgg.): History Goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres, Bielefeld 2009, S. 9-60, hier S. 19.

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