Schiffe versenken mit Moby Dick | Owen Chase: Tage des Grauens und der Verzweiflung *

Wehrhafte Wale

 * Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Der Themenschwerpunkt meines Artikels und der Inhalt meiner Rezension bleiben davon unberührt. 

Ein riesiger Wal rammt ein Schiff, das daraufhin untergeht. Kommt euch die Story vage bekannt vor? Das Ereignis, das zentral für Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“ ist, beruht auf einem wahren Bericht. Wer meinen Artikel zur Zeitreise ins 18. Jahrhundert kennt, der weiß, dass ich die Geschichte nicht nur gerne als Fiktion, sondern auch durch die Worte der Zeitgenossen erlebe. Heute wird der Spieß also wieder umgedreht und wir schauen uns an, wie es der Besatzung der Essex erging, wie der Steuermann Owen Chase das Geschehen schilderte und was Herman Melville in „Moby Dick“ daraus machte (auch, wenn das streng genommen gar kein historischer Roman ist).

2. Owen Chase: Leben im Zeichen des Walfangs

Bei dem 2019 von Michael Klein neu übersetzten und herausgegebenen Buch handelt es sich vorrangig um den Bericht des Ersten Steuermannes des Walfangschiffs Essex. Der Text erschien erstmals 1821 und trug den klingenden und buchstäblich vielsagenden Titel „Bericht vom höchst seltsamen, katastrophalen Schiffbruch des Walfängers ‚Essex‘ aus Nantucket, der im pazifischen Ozean von einem gewaltigen Pottwal angegriffen und völlig zerstört wurde, dazu eine Schilderung der beispiellosen Leiden von Kapitän und Mannschaft in offenen Booten auf See während eines Zeitraums von dreiundneunzig Tagen in den Jahren 1820 und 18211.

Wer war der Seemann, der zum Autor wurde und dabei einen noch größeren Autor inspirierte?

1.1. Der Mann

Owen Chase wurde, wie einige andere Besatzungsmitglieder, in Nantucket geboren, und zwar 1796. Er war eines von acht Kindern des Landbesitzers Judah Chase, und vermutlich unternahm er schon früh Reisen auf Walfangschiffen.2 Übrigens genau wie seine Brüder, die alle vier bis zu ihrem 30. Lebensjahr einen Kapitänsposten inne hatten. Ansonsten ist über seine Jugend wenig bekannt, wahrscheinlich erhielt er eine relativ rudimentäre Schulbildung und wurde gottesfürchtig erzogen. Welcher Glaubensgemeinschaft er angehörte, ist nicht abschließend geklärt, möglicherweise waren die Chases aber Quäker, also Mitglieder einer recht strengen, aber pazifistischen protestantischen Strömung.3 Von ihnen lebten sehr viele in der Walfanghochburg Nantucket.

Owen Chase, Steuermann des Walfangschiffes Essex, im höheren Alter. Schwarzweiß-Fotografie.
Owen Chase, der Erste Steuermann der Essex, im höheren Alter. (Bildquelle4)

1.2. Die Industrie

Warum ausgerechnet Nantucket, eine Insel von etwa 125 Quadratkilometern an der US-amerikanischen Nordostküste? Die wilde See rund um das sandige Eiland war besonders im Winter von Walen bevölkert. Zunächst beschränkten sich die Bewohner darauf, die gestrandeten oder angeschwemmten Kadaver auszuschlachten, und erst um 1690 herum begannen sie, mit Booten hinauszufahren und die gigantischen Meeressäuger in Küstennähe gezielt zu jagen.5

Worauf die Walfänger aus waren, war keineswegs das Fleisch der Tiere, die heute fragwürdige Delikatesse. Vielmehr war es ihr Fett, der sogenannte Blubber, das zu Tran eingekocht und als Lampenöl und Schmiermittel eingesetzt wurde. Anfang des 18. Jahrhunderts entdeckte ein Walfänger etwas weiter von der Küste entfernt eine bis dahin relativ unbekannte Walart, die Pottwale. Sie sind die größten bezahnten Wale der Welt und an ihren riesigen Köpfen sofort zu erkennen. Genau die sollten allerdings ihr Verderben werden, denn die Menschen entdeckten, dass sich darin Unmengen Walrat, auch Spermaceti genannt, befindet – es war noch vielseitiger einsetzbar und hochwertiger als das gewöhnliche, aus dem Körperfett der Tiere gewonnene Öl. Eigentlich dient die Substanz wohl der Orientierung mittels Echolot, wurde jetzt aber zu einer wichtigen Triebfeder der Industrialisierung und sogar für Kosmetik verwendet.6

Historische Darstellung des Walfangs im 18. Jahrhundert.
Walfang im 18. Jahrhundert. (Bildquelle7)

Die Bewohner von Nantucket wurden also Spezialisten für die Pottwaljagd und optimierten ihre Schiffe dahingehend, dass die mühselige und wirklich sehr unappetitliche Prozedur des Zerlegens und Auskochens der Tiere direkt auf See stattfinden konnte, ohne dass man die Kadaver extra zurück in den Hafen schleppen musste. Sie konnten also deutlich weitere und längere Fahrten unternehmen. Und das war auch nötig, denn bereits knappe fünfzig Jahre nach ihrer Entdeckung, um 1760, hatten die Jäger die Population rund um Nantucket bereits ausgerottet.8 Bravo, Menschheit!

2. Der Untergang der Essex

Am 12. August 1819 lief also die Essex zu einer solchen Fahrt aus, gerüstet für zweieinhalb Jahre. Befehligt wurde sie von Kapitän George Pollard; unser Owen Chase, der vermutlich schon andere Fahrten mit ihr gemacht hatte, war der Erste Maat. Es ging an den Azoren vorbei hinunter bis zum südamerikanischen Kap, in Richtung des Pazifiks. Zusätzlich zum geladenen Proviant erwarb die Mannschaft auf verschiedenen Inseln frische Nahrungsmittel und fing beispielsweise auch auf den Galápagosinseln Schildkröten als Lebendproviant. Im Laufe des Jahres 1820 jagten die Männer erfolgreich Wale in der Region vor Chile und Peru. Weiter unten findet ihr eine Karte, die alle Stationen der Reise zeigt. Chase berichtet nicht wirklich von besonderen Vorkommnissen, was sich am 20. November 1820 schlagartig ändert.

2.1. Die Attacke à la Moby Dick

Chase war gerade mit der Reparatur eines Walfangbootes beschäftigt (zwei andere waren harpunierend unterwegs), als er einen besonders großen Wal erspähte, den er auf eine Länge von etwa 25 Metern schätzte. Plötzlich bemerkte er, dass das Tier mit großer Geschwindigkeit auf die Essex zuhielt, sodass das Schiff nicht mehr ausweichen konnte. Der Wal rammte es mit seinem gewaltigen Kopf, und „er gab uns einen solch entsetzlichen, gewaltsamen Stoß, dass es uns beinahe alle auf unsere Gesichter warf“9. Chase fällt es schwer, die Fassungslosigkeit angesichts dieser unerwarteten Attacke, nach der der Wal selbst eine Weile wie benommen im Wasser liegen blieb, zu beschreiben. Immerhin hatte er ein Leck in das Schiff geschlagen! Danach begann er in einiger Entfernung, sich wild im Wasser herumzuwerfen und Drohgebärden zu machen (Pottwale schlagen dabei ihre Kiefer zusammen und erzeugen sehr laute Geräusche). Chase ahnte, was seinem Schiff blühte, das wieder nicht ausweichen konnte und in der Tat ein zweites Mal gerammt wurde, bevor der Wal in die Tiefe verschwand.

Die Essex lief mit Wasser voll, und die Mannschaft rettete sich und ihre wichtigsten Habseligkeiten in drei Fangboote. Anschaulich beschreibt Chase den Schock und die Verwunderung der Besatzung. Zwar waren ihre Leben gerettet, das Schiff aber verloren und sie alle in kleinen Nussschalen mitten auf dem offenen Meer. Kapitän Pollard war übrigens selbst höchst überrascht und soll Chase nur gefragt haben: „Oh mein Gott – wo ist das Schiff?“10 Wieder und wieder überlegte Chase, wie es zu dem Unglück hatte kommen können, „durch ein Tier zumal, das niemals zuvor im Verdacht stand, bösartig zu sein, sondern dessen Sanftheit und Harmlosigkeit geradezu sprichwörtlich waren“11. Er folgert, dass das Harpunieren dreier anderer Wale aus dem selben Schwarm die Ursache gewesen sein muss, „es war, als sei er von Rachedurst für ihre Leiden befeuert“12.

Der Wal wird als außergewöhnlich groß beschrieben, er war fast so lang wie die Essex selbst und wog damit wahrscheinlich um die 80 Tonnen. Das klingt übertrieben, allerdings gibt es viele andere zeitgenössische Berichte, die ebenfalls von Tieren über 20 Metern berichten, was man heutzutage eigentlich nicht mehr beobachtet. Nathaniel Philbrick folgert, dass es im frühen 19. Jahrhundert noch viele Exemplare solcher Größe gegeben haben muss und dass diese durch die gezielte Jagd inzwischen einfach verschwunden sind – natürlich wollten die Walfänger immer die größten Tiere erwischen, um aus einem erlegten Wal möglichst viel Öl zu erhalten.13

Skizze des Walangriffes auf die Essex.
Skizze des Schiffsjungen Thomas Nickerson, der den Angriff des Wals auf die Essex später für die Versicherung zeichnete. (Bildquelle14)

Rache oder Verteidigung?

Was ist an der Sache mit einer gezielten Attacke dran? Dass Chase damit, dass er dem Wal eine kalkulierte boshafte Racheaktion zuschreibt, das Tier zu sehr vermenschlicht, scheint klar. Dass ihn die Begegnung mit den Walfängern und die Jagd auf die drei anderen Tiere aufgehetzt haben kann, klingt allerdings nicht unwahrscheinlich. Vielleicht hat er das Schiff sogar für ein anderes Tier gehalten, denn Chase zimmerte gerade mit lauten Schlägen ein Boot zusammen, als die Attacke geschah. Das Geräusch kam der typischen Drohgebärde von Walbullen möglicherweise sehr nah und würde den Angriff des Tieres erklären. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass er die Essex schlicht versehentlich gerammt hatte und sich dann mit dem zweiten Rammstoß gezielt gegen sie verteidigen wollte.15

Interessant fand ich dabei, dass Chase anerkennt, dass es sich bei Pottwalen eigentlich um friedliche Tiere handelt – meines Wissens sind abseits der Walfangberichte auch tatsächlich keine Angriffe auf Menschen bekannt (zugegeben begegnen sich die beiden Spezies auch eher selten, da die Pottwale in sehr tiefen, offenen Gewässern leben). Dass sie sich gegen die Walfänger ebenso wie gegen natürliche Feinde zu verteidigen suchten, wirkt auf mich aber nicht unplausibel. Wobei die Besatzung der Essex sowieso andere Sorgen hatte, als sich um die Beweggründe des Meeressäugers Gedanken zu machen. Es galt, das nackte Überleben zu sichern.

2.2. Die Irrfahrt

Es gelang der Mannschaft, einige Ressourcen aus dem Wrack zu bergen, welches noch nicht völlig versunken war. In unmittelbarer Nähe der Essex statteten die Seemänner ihre drei Boote mit provisorischen Segeln aus und erhöhten die Bordwände, um wenigstens notdürftigen Schutz gegen die raue See zu schaffen. Und wo sollten sie hin? Die Marquesa- oder Gesellschaftsinseln, beide gehören zu Tahiti, wären in relativer Nähe gewesen. Die Mannschaft hatte jedoch Angst, auf Kannibalen zu treffen, wie Chase schreibt: „Diese Inseln kannten wir jedoch überhaupt nicht, und wir befürchteten, dass sie, falls überhaupt, von Wilden bewohnt seien, von denen wir ebenso viel zu fürchten hätten wie von den Elementen oder gleich dem Tod selbst“16. Wir werden noch sehen, welche Ironie diese Aussage beinhalten sollte. Jedenfalls beschloss die Besatzung sich in Richtung der Küste von Peru oder Chile zu halten. Hätten sie sich für Tahiti entschieden, hätten wahrscheinlich alle Mitglieder überlebt. Das kann man ihnen jedoch kaum vorwerfen, denn der Pazifik war noch nicht gänzlich serschlossen und sie hatten lediglich unvollständige Kursbücher, kein detailliertes Kartenmaterial, zur Verfügung. Und auch das junge, noch nicht so erfahrene Alter muss man bedenken. Der Kapitän war gerade 28 Jahre alt, Owen Chase sogar erst 22.

Land in Sicht!

Zunächst war es nicht Hunger, der den Seeleuten zusetzte (sie hatten Brotvorräte retten können und schafften es, diese halbwegs trocken zu halten), sondern der Durst. In den kleinen Booten waren die Männer der Sonne nahezu schutzlos ausgesetzt, und ihre Wasserrationen waren knapp. Außerdem drifteten sie immer wieder auseinander und mussten aufpassen, sich nicht zu verlieren. Wie groß muss die Erleichterung gewesen sein, als nach beinahe einem Monat auf offener See, am 20. Dezember 1820, endlich Land in Sicht kam. Es handelte sich um die Pitcairninseln (davon ist nur Pitcairn Island bewohnt, weil die 1789 meuternde Schiffsbesatzung der Bounty sich dort ansiedelte, deren Nachfahren bis heute dort leben). Chase und seine Seemänner glaubten, sie hätten Ducie erreicht, in Wirklichkeit gingen sie aber auf der Insel Henderson an Land. „Kein Mensch, der dieser Erzählung folgt“, schreibt Chase, „wird wahrhaft das Ausmaß nachvollziehen können, in dem unsere Gefühle bei dieser Gelegenheit aufgewühlt wurden“. 17

Ein Strand der bis heute unbewohnten, zum UNESCO-Welterbe gehörenden Insel Henderson. (Bildquelle18)

Die Besatzung der Essex stärkte sich mit gefangenen Vögeln und Fischen, hatte aber Schwierigkeiten, sich mit Trinkwasser zu versorgen. Es gibt nur eine einzige Quelle auf Henderson, und die ist nur bei Ebbe zugänglich. So oder so hatten die ausgezehrten Männer schon nach wenigen Tagen alle zugänglichen Nahrungsquellen ausgeschöpft, alle Vögel verspeist, die Nester geplündert. Am 27. Dezember verließ die Mannschaft deshalb Henderson und wollte sich in Richtung der Osterinsel orientieren, die ihnen zwar ebenso wenig bekannt, aber immerhin dem Festland näher war.

Drei der Mitglieder schätzten ihre Überlebenschance auf der Insel jedoch höher ein als beim Versuch, den Kontinent zu erreichen, und entschieden sich, zurückzubleiben. Falls die anderen gerettet wurden, sollten sie dafür sorgen, dass man sie holen kam.

Warten auf See

Zunächst aber war Rettung allerdings dramatisch weit weg. Am 10. Januar 1821 starb der Zweite Maat an Auszehrung und Erschöpfung. Er wurde auf See bestattet. Dann trieb der Wind die drei Boote endgültig auseinander, und die Insassen von Chases Boot waren allein. Die Männer wurden immer schwächer und fürchteten die Angriffe von Walen oder Haien, gegen die sie sich nicht mehr hätten verteidigen können. Windstille und schwindende Vorräte ließen die Hoffnung auf Rettung schwinden. Die Route der Essex und die Positionen der Schiffbrüchigen könnt ihr auf dieser Karte ansehen:

Drastische Maßnahmen

Anfang Februar sahen sich Chase und seine Männer dem Tode nahe, die Nahrung würde allenfalls noch wenige Tage reichen. Dann starb Isaac Cole. Dieses Mal entschieden die Männer, das letzte Mittel zu ergreifen und den toten Kameraden als Nahrungsquelle zu nutzen. Dieser grässliche Beschluss war die einzige Möglichkeit, den eigenen Tod noch hinauszuzögern, und Chase schreibt:

Jedem Gefühl der Menschlichkeit muss es angesichts dieser Erzählung schaudern. Ich finde keine Sprache, die Seelenqual in diesem grausamen Dilemma zu beschreiben.19

Das Leid trieb Chase und seine Männer zum Äußersten. Er schreibt spürbar geprägt von dem Schrecken, der mit dem Kannibalismus aus Verzweiflung einherging. Im Boot von Kapitän Pollard ging es noch drastischer zu. Dort wurde in einem Fall ausgelost, wer sich opferte, damit die anderen zu essen hatten. Es traf Owen Coffin, den Cousin des Kapitäns, der sich seinem Schicksal fügte und sich erschießen ließ.20 Ob dies tatsächlich so heroisch und aufopferungsvoll ablief, wie von den Überlebenden geschildert, kann niemand mehr nachvollziehen.

Chase und seine beiden verbliebenen Kameraden hatten jedenfalls mit dem Leben abgeschlossen, als sie am 18. Februar unweit der Insel Mas Afuera (heute heißt sie Selkirk Island) vor Chile von einem Schiff aufgegriffen und gerettet wurden. Auch das Boot mit Pollard und seinem verbliebenen Seemann wurde etwas später gefunden. Und ein Versprechen wurde ebenfalls wahrgemacht: Die drei Männer, die freiwillig auf der Insel Henderson zurückgeblieben waren, wurden wohlauf angetroffen und abgeholt. So überlebten acht Menschen den Untergang der Essex, anfangs waren einundzwanzig an Bord gewesen (ein Matrose hatte das Schiff allerdings bereits vor dem Walangriff in Ecuador verlassen). Alle fuhren schon bald darauf wieder zur See. George Pollards Karriere als Kapitän endete, weil er 1823 eines weiteren Schiffes verlustig ging, nachdem es auf Grund gelaufen war – er arbeitete fortan als Nachtwächter. Owen Chase dagegen wurde ein sehr erfolgreicher Walfangkapitän, erholte sich aber nie ganz von seinen Erlebnissen. Im Alter soll er in seinem Haus Nahrungsmittel gebunkert und von Kopfschmerzen geplagt gewesen sein, ein Jahr vor seinem Tod wurde er für geisteskrank erklärt.21

3. Herman Melville und Moby Dick

Wie kam nun der Wal zum Schriftsteller? Herman Melville, 1819 in New York geboren, schuf mit „Moby Dick“ einen Klassiker. Er hatte selbst auf Walfangschiffen gearbeitet und kannte sich dementsprechend mit der Seefahrt aus. Schon seine ersten beiden Romane (die zu seinen Lebzeiten weitaus erfolgreicher waren als „Moby Dick“) greifen die Erlebnisse auf See und auf den pazifischen Inseln auf fiktive Weise auf.

1841 gehörte Melville zur Besatzung des Walfängers Acushnet, die im Südpazifik ein anderes Schiff traf. Die Mannschaften tauschten dabei meistens Informationen aus, und Melville kam in Kontakt mit dem jugendlichen Sohn von Owen Chase. Die Geschichte der Essex kannte natürlich auch zwanzig Jahre später noch jeder, und Chase junior hatte sogar eine Druckausgabe des Berichts seines Vaters dabei. Die Lektüre dieser erstaunlichen Geschichte, geographisch auch noch ganz in der Nähe des Unglücksortes, beeindruckte den damals noch ähnlich jungen Melville sehr, wie er später schrieb.22

Schwarzweißportrait von Herman Melville, Autor von Moby Dick, um 1860.
Herman Melville um 1860. (Bildquelle23)

Dabei war die Geschichte der Essex bei Weitem nicht die einzige Inspirationsquelle für den Klassiker. Zur damaligen Zeit kursierten einige Schauergeschichten über riesige, angriffslustige Wale, die oft als Monster oder „Leviathane“ der See beschrieben wurden. In der Regel zeigte sich diese Aggression aber erst, wenn die Wale harpuniert oder der Schwarm angegriffen wurde – diese Verteidigung kann man den Tieren wohl kaum als Bosheit auslegen. Trotzdem waren manche dieser wehrhaften Bullen bei den Seefahrern sogar namentlich bekannt. Eine dieser lebenden Legenden war Mocha Dick, und es liegt auf der Hand, dass er der Namensgeber für den weißen Wal in Herman Melvilles Roman war. Er bekam den Namen, da er oft vor der Insel Mocha vor der chilenischen Küste gesehen wurde. Und mehreren Berichten zufolge war er weiß, sehr hell oder hatte zumindest viele weiße Stellen. Diese haben aber viele ältere Pottwale, beispielsweise wegen vernarbter Haut. Und es ist gut möglich, dass die Seefahrer in jedem größeren, helleren Bullen, der sich gegen Fangboote zur Wehr setzte, Mocha Dick erkennen wollten.24 Über ihn berichtete 1839 Jeremiah N. Reynolds, aber auch andere Walfänger beanspruchten für sich, die Meereslegende erlegt zu haben. Mocha Dick fand ebenso wie die Geschichte von Owen Chase Eingang in den Roman von Melville.

Illustration von Moby Dick.
Eine frühe Buchillustration von Moby Dick. (Bildquelle25)

Moby Dick: Ein Klassiker der Weltliteratur

„So nennt mich denn Ismael.“26 Damit beginnt der Roman von Melville, in dem es freilich nur vordergründig um den Walfang und die Seefahrt an sich geht. Ismael heuert auf der Pequod an und wird Teil ihrer kunterbunt gemischten Mannschaft. Bald stellt sich heraus, dass der fanatische Kapitän Ahab nichts anderes im Sinn hat, als sich an Moby Dick, einen weißen Pottwal, der ihm in einer früheren Auseinandersetzung das Bein abgerissen hatte, zu rächen und ihn zu töten. Das geht, wie wir wissen, zum Schluss des Romans gehörig nach hinten los, der Wal gewinnt (was bei einem solchen Klassiker hoffentlich kein Spoiler ist). Nach einer dreitägigen Jagd sehen wir Chases Bericht sogar direkt zitiert, als die Besatzung am Ende des Kampfes fragt: „Das Schiff, großer Gott, wo ist das Schiff?“27 Ismael ist der einzige Überlebende, der berichten kann:

Und jetzt ergriffen konzentrische Kreise das einsame Boot und seine Mannschaft, jeder treibende Riemen und Lanzenschaft und alles Lebendige und Leblose wurde um und um in einen Wirbel gesogen und so der letzte Splitter der ‚Pequod‘ verschlungen.28

So ist „Moby Dick“ aber nicht nur ein Roman über den Walfang, sondern auch eine philosophische Parabel über die Trias Mensch-Natur-Technik, die Zivilisation und das menschliche Zusammenleben. Das Schiff, dessen Besatzung einen Querschnitt der Gesellschaft abbildet, ist gleichfalls ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, buchstäblich America in a nutshell, und zugleich wird der Protagonist während der Reise zur See erwachsen. Dazu kommen noch zahlreiche Zitate und Querverweise auf andere literarische Werke von der Bibel über Shakespeare bis hin zu Rousseau. Außerdem greift Melville zahlreiche andere, zeitgenössischen US-amerikanische Autoren auf, gewidmet ist „Moby Dick“ Melvilles Freund Nathaniel Hawthorne.29 Man könnte also sagen, dass das vom Wal versenkte Schiff und damit die Ereignisse um die Essex als Vorlage in diesem reichhaltigen Werk nur eine bloße Fußnote sind. Der Kampf gegen den weißen Wal, der 600 Seiten lang als Ahabs Nemesis aufgebaut wird, bleibt aber der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, die Pointe, auf die das Buch hinführt.

4. Die Gefährdung der Pottwale in der Gegenwart

Der intensive Walfang, der im 20. Jahrhundert zu einer noch tödlicheren Industrie wurde, reduzierte die Bestände unzähliger Arten drastisch. Die Fangzahlen, die in die Hunderttausende gingen (der WWF spricht allein für die Jahre 1961/62 von 66.000 getöteten Tieren30), brachten viele an den Rand der Ausrottung. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Wale es in den Weltmeeren gegeben haben muss, bevor der Mensch seine vernichtende Jagd startete. 1986 trat ein internationales Walfang-Moratorium in Kraft, welches ein Aussterben der gefährdeten Arten verhindern soll und den kommerziellen Walfang verbietet. Zu angeblichen Forschungszwecken wurden Wale weiterhin von Japan, Island und Norwegen gejagt; am 30. Juni 2019 trat Japan aus der Internationalen Walfangkommission aus und jagt seither auch wieder kommerziell.31 Seit 1986 wurden trotz des Moratoriums noch mehr als 33.000 Wale erlegt.32

Eine Pottwalmutter mit Jungtier - Gefährten von Moby Dick.
Eine Pottwalmutter und ihr Jungtier. (Bildquelle33)

Darunter sind immer wieder auch Pottwale, die als gefährdet eingestuft werden. Doch auch abseits des fortgesetzten Walfangs sind die Meeressäuger heute stark bedroht: Der Unterwasserlärm, etwa von Schiffen, stört ihre Orientierung. Sie verheddern sich in Fischernetzen und sterben als Beifang, Pottwale als geschickte Tiefseetaucher können sich sogar mit Unterseekabeln am Meeresgrund strangulieren. Die Verschmutzung der Ozeane durch Chemikalien und Plastik sowie der Klimawandel lassen ihre Lebens- und Nahrungsräume weiter schwinden. Die sanften Giganten haben unsere Hilfe also auch knapp zwei Jahrhunderte nach der folgenreichen Begegnung eines ihrer Artgenossen mit der Essex bitter nötig.

5. Rezension

Cover des Buches "Tage des Grauens und der Verzweiflung" von Owen Chase.
Owen Chase, Tage des Grauens und der Verzweiflung, Morio Verlag.

Ich wusste zwar vage, dass „Moby Dick“ auch reale Ereignisse aufgreift, der konkrete Bericht von Owen Chase und das Schicksal der Essex waren mir aber unbekannt. Die von Michael Klein erstellte Ausgabe kommt in handlichem Format daher und bietet ausreichend Hintergrundinformationen, um den Augenzeugenbericht verstehen und einordnen zu können. Auf einen Fußnotenapparat wird verzichtet, stattdessen finden sich die Anmerkungen des Herausgebers in Form von thematisch geordneten Einschüben zwischen den Kapiteln von Owen Chase. Diese Anmerkungen sind kompakt zusammengefasst und sehr informativ und werden durch ein ausführliches Nachwort ergänzt. Persönlich (und für die weiterführende Recherche) hätte ich es dennoch gut gefunden, wenn Kleins Texte mit direkten Referenzen und nicht nur einem Literaturverzeichnis ausgestattet gewesen wären. Abgesehen von diesem Kritikpunkt bietet die Edition aber einen sehr guten Überblick über die historischen Geschehnisse, wobei natürlich auch der Rückbezug zu Herman Melville und „Moby Dick“ nicht fehlt.

Anders als im Roman, in welchem der Kampf gegen den Wal und das Sinken der Pequod den dramatischen Höhepunkt darstellen, ist der Walangriff auf die Essex für Chases Bericht nur der Anfang. Der Fokus seiner Darstellung liegt ganz klar auf der Not, die die Schiffbrüchigen litten, und den körperlichen, seelischen und moralischen Grenzüberschreitungen, die sich daraus ergaben. Der Wal tritt dort nur zu Beginn in Erscheinung. Wahrscheinlich, um die Brücke zu „Moby Dick“ am Schluss wieder zu schlagen, wurde dem Buch auch noch der Bericht von Jeremiah N. Reynolds über den angriffslustigen weißen Pottwal Mocha Dick angehängt. Dieser wird zwar in den vorigen Abschnitten von Klein kurz erwähnt, aber die Passage selbst wird nicht mehr editorisch kommentiert. Dadurch hat sie mir zu wenig an den eigentlich im Zentrum stehenden Bericht von Chase angeschlossen. Allerdings zeigt sie plastisch, wie grausam und brutal die Waljagd für die Tiere war und liefert damit einen wichtigen Kontrapunkt zum davor nachvollzogenen Leid der Menschen – denn die hauptsächlichen Opfer waren und sind eben doch und ohne Zweifel die Wale.

Persönlich hätte ich manche Teile der Edition etwas anders strukturiert, aber ich fand sie äußerst interessant. Sie enthält alle wichtigen Informationen zur Essex und der Vorlage, die Owen Chase mit seinem Bericht für Herman Melvilles „Moby Dick“ lieferte. Wer sich also für die Hintergrundgeschichte dieses Klassikers interessiert oder mehr über das frühe Zeitalter des Walfangs erfahren möchte, ist mit „Tage des Grauens und der Verzweiflung“ bestens versorgt. Lohnenswert ist die Lektüre nicht nur wegen der Ereignisse selbst, sondern wegen der eindrücklichen, emotionalen Schilderungen von Owen Chase. Und vielleicht kann der Bericht abseits des (literatur-)historischen Wertes auch darauf aufmerksam machen, dass sich die Bestände bis heute nicht vom Walfang erholt haben und dass in den Weltmeeren faszinierende, intelligente Giganten leben, die heutzutage mehr denn je auf unseren Schutz und unser Mitgefühl angewiesen sind.

Owen Chase: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, erschienen im Juni 2019 im Morio Verlag.

>>Link zum Verlag<<

  1. Im Originaltitel war Chase mit den Jahreszahlen durcheinandergekommen und hatte „1819 und 1820“ geschrieben, was sich wohl auf die Fahrt der intakten Essex bezieht, während das Geschehen nach dem Schiffbruch in die Jahre 1820 und 1821 fällt. Klein hat dies in seiner Übersetzung entsprechend angepasst.
  2. Chase, Owen: Tages des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 191.
  3. Heffernan, Thomas Farel: Stove by a Whale: Owen Chase and the Essex, Middletown 1990, S. 7-8.
  4. Owen Chase, Foto von Nantucket Historical Association, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11297901, Zugriff am 27.08.2019.
  5. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 5.
  6. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 6.
  7. Walfang, Foto eines Holzstichs von Mr. Sean Linehan – Treasures of the NOAA Photo Library; Image ID: libr0195.From „A Collection of Voyages round te World … Captain Cook’s First, Second, Third and Last Voyages ….“ Volume V, London, 1790, page 1910., gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1800, Zugriff am 27.08.2019.
  8. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 6.
  9. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 30.
  10. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 36.
  11. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 39.
  12. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 40.
  13. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 85.
  14. Skizze von Thomas Nickerson – http://www.papahanaumokuakea.gov/maritime/imgs_ships/two_brothers_14_nantucket_historical_association.jpg, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7342481, Zugriff am 27.08.2019.
  15. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 87-89.
  16. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 60-61.
  17. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 90.
  18. Henderson Island, Foto von Ron Van Oers – Diese Stätte ist als UNESCO-Welterbe unter der Bezeichnung Henderson Island gekennzeichnet., CC BY-SA 3.0-igo, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58155765[, Zugriff am 27.08.2019.
  19. Chase, Owen: Tage des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 132.
  20. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 175-176.
  21. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 208-228.
  22. Philbrick, Nathaniel: In the Heart of the Sea. The Epic True Story that Inspired Moby Dick, London 2000, S. 215.
  23. Herman Melville, https://www.loc.gov/rr/print/list/235_pom.html, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1629301, Zugriff am 27.08.2019.
  24. Chase, Owen: Tages des Grauens und der Verzweiflung, hrsg. v. Michael Klein, Halle 2019, S. 51-52.
  25. Moby Dick, von Augustus Burnham Shute – Moby-Dick edition – C. H. Simonds Co, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10895971, Zugriff am 27.08.2019.
  26. Melville, Herman: Moby Dick oder Der Wal, übers. v. Richard Mummendey, München 1964, S. 25.
  27. Melville, Herman: Moby Dick oder Der Wal, übers. v. Richard Mummendey, München 1964, S. 680.
  28. Melville, Herman: Moby Dick oder Der Wal, übers. v. Richard Mummendey, München 1964, S. 681.
  29. Sühnel, Rudolf: Melvilles Moby Dick. Eine deutende Einführung, in: Link, Franz (Hg.): Amerika. Vision und Wirklichkeit. Beiträge deutscher Forschung zur amerikanischen Literaturgeschichte, Frankfurt am Main 1968.
  30. WWF Deutschland: Geschichte der Waljagd, https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Geschichte_der_Waljagd_01.pdf, Zugriff am 08.08.2019.
  31. Der Tagesspiegel: Japan will wieder Wale jagen, 26.12.2018, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/austritt-aus-walfangkommission-japan-will-wieder-wale-jagen/23798354.html.
  32. WWF Deutschland: Anzahl der bei der Waljagd getöteten Wale seit Inkrafttreten des Moratoriums, Juni 2010, https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Walfang_Tabelle_Final_Juni_10.pdf, Zugriff am 08.08.2019.
  33. Foto von Gabriel Barathieu – https://www.flickr.com/photos/barathieu/7277953560/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24212362[, Zugriff am 27.08.2019.

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