Cover des Buches "Authentizität als Darstellung"

Authentizität in historischen Romanen

Wenn wir historische Romane bewerten, erhalten sie oft die Attribute „gut recherchiert“ oder „historisch korrekt“, die für sich genommen schon recht dehnbar sind. Oft fällt auch der Begriff „authentisch“. Authentizität ist dieser Tage omnipräsent, aber was heißt das eigentlich? Und wann ist ein historischer Roman authentisch, falls er das überhaupt sein kann?

Philosophische Schwierigkeiten eines Begriffs

Was bedeutet sie wörtlich, die Authentizität, die wir heute so freigiebig Schriftstellern, Künstlern, Politikern und eigentlich allem und jedem zu- oder abschreiben? Das lateinische Wort authenticus wurde zumeist auf Schriftstücke bezogen und bezeichnete eine auf den Urheber zurückgehende Originalität, als Adjektiv bedeutete dies auch „anerkannt“, „rechtmäßig“ und verbindlich. Im juristischen und theologischen Sinn bedeutete die Authentizität eines Schriftstückes also auch dessen Autorität, etwa für die Auslegung biblischer Quellen oder Gesetzestexte. In der Kunst ist ebenfalls die Rückführbarkeit auf einen Urheber, die Echtheit, maßgeblich für die Zuschreibung von Authentizität. Es geht also zunächst darum, die Echtheit eines Werkes zu beglaubigen.1 Daraus ergibt sich die Teilbedeutung der Wahrhaftigkeit und der Glaubwürdigkeit, die meiner Meinung nach vorherrscht, wenn wir heute über Authentizität sprechen. Denn nur daran können wir schließlich bewerten, ob wir jemanden oder etwas für authentisch halten.

Es geht dabei um den Wunsch, etwas auf unvermittelte Weise, also unverstellt, unverfälscht, nicht durch eine Darstellung gefiltert, zu sehen. Wie Christian Strub es formuliert:

Eine authentische Darstellung existiert genau dann, wenn man mit […] Darstellungsmitteln die Unmittelbarkeit […] eines Themas (eines Gegenstandes, eines Ereignisses, einer fremden oder der eigenen Person)‚ erwischt‘2.

Von einem Entertainer etwa wünschen wir uns, dass er im privaten Leben so ist, wie auf der Bühne, anstatt sich zu inszenieren. Wir wollen keine Show, sondern unmittelbare, wahrhaftige Glaubwürdigkeit. Aber geht das überhaupt? Wenn wir noch für einen Moment auf der philosophischen Ebene bleiben wollen, ergibt sich aus dem Anspruch der darstellungsunabhängigen Darstellung unweigerlich ein Problem. Jede Darstellung ist eine Vermittlung von etwas, also handelt es sich bei der unvermittelten Darstellung um ein Paradox, und Authentizität kann es vielleicht gar nicht geben.3 Jedenfalls nicht als universell feststehenden Wert, vielmehr handelt es sich um eine Zuschreibung, sobald wir den Eindruck von Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit und Unmittelbarkeit wahrnehmen. Etwa beim Showmaster können wir beispielsweise nie von außen feststellen, wie es um dessen Selbst- und Fremdverhältnis bestellt ist, sondern nur, ob die Glaubwürdigkeit gelingt, ob wir die Darstellung allen Widersprüchen zum Trotz als authentisch beglaubigen.4 Und da sind wir wieder beim historischen Roman.

Die Glaubwürdigkeit historischer Fakten = Authentizität?

Fakt und Fiktion spielen in historischen Romanen zusammen, und während für den fiktiven Teil der Handlung noch einmal andere Maßstäbe gelten – etwa die Charakterzeichnung oder die Dramaturgie – lassen sich die Fakten in vielen Fällen belastbar überprüfen. Aber machen korrekte Jahreszahlen und Ereignisse den Roman schon authentisch? Bestimmt nicht. Ich würde behaupten, dass wir auch einen historischen Roman bewusst oder unbewusst daran messen, ob wir beim Lesen das Gefühl von Unmittelbarkeit erleben, was sich freilich auf vielen Ebenen abspielen kann.

Unvermittelt wirkt der Roman dann, wenn wir nicht mehr daran denken, dass wir gerade einen Roman lesen. Das heißt, der Autor soll zurücktreten, sein Handwerkszeug soll kaschiert sein. Wir wollen spüren, dass Herzblut und Mühe in den Text eingeflossen sind, ebenso wie eine Menge Recherche, aber wir wollen es nicht sehen. Die Gemachtheit des Textes soll verschleiert sein. Wenn die Immersion, also das Eintauchen in die Geschichte, gelingt, ist aus meiner Sicht ein großer Schritt in Richtung Authentizität getan. Hier spielen die historischen Fakten wieder eine Rolle, denn wenn mir als Leser offensichtliche Fehler (falsche Jahreszahlen, Menschen, die zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht geboren oder schon tot waren oder dergleichen) auffallen, dann wird die Immersion gebrochen. In dem Augenblick werde ich daran erinnert, dass der Text, dass die Handlung konstruiert ist. Fehler sind also unglaubwürdig. Ich bin dabei die Letzte, die kleinere Schnitzer nicht verzeiht – völlige Faktentreue, geschweige denn deren Überprüfbarkeit, ist überhaupt nicht möglich. Aber falsche Daten und Ereignisse, die sofort ins Auge springen und sich schlimmstenfalls direkt auf die Handlung auswirken, kratzen an der Glaubwürdigkeit eines historischen Romans.

Auch hinsichtlich der fiktiven Handlungselemente ist das mein Maßstab: Der Eindruck, etwas „hätte so passiert sein können“, sollte gewahrt bleiben. Manch ein Abenteuer, manch eine Romanze und manch eine dramatische Wendung eines Romans ist realistisch gesehen vielleicht nicht besonders wahrscheinlich. Den Eindruck zu erwecken, dass die Geschichte innerhalb der echten Geschichte zumindest aber nicht unmöglich ist und es denkbar wäre, dass sie sich so abgespielt hat, ist die große Kunst des historischen Romans. Es sollten also sowohl die historischen Rahmenereignisse, soweit wir sie heute noch nachvollziehen können, stimmen, als auch die fiktive Handlung realistisch darin eingebettet sein.

Das gilt auch für historische Personen. Diese sollten einen möglichst großen Wiedererkennungswert haben – und es hilft, sich an die Überlieferung ihrer Persönlichkeiten einigermaßen zu halten. Natürlich sind ausgerechnet die Charakterzüge oft höchst umstritten und es kann gerade spannend sein, für welche Variante sich Autoren entscheiden, aber auch hier gilt, dass die Ausarbeitung nicht künstlich, nicht erfunden, wirken sollte. Egal, wie die Figur in einem spezifischen Roman auch gezeichnet wird, die Leser mit entsprechendem Vorwissen sollten ihr Bild sofort im Kopf haben.

Die Kunst des unauffälligen Details

Ein historischer Roman soll unterhalten und die eben schon genannte Immersion ermöglichen, sonst könnten wir uns die harten Fakten ja ganz einfach aus Sachbüchern anlesen. So bilden diese zwar die gelungene Basis einer Geschichte, das Leseerlebnis wird aber auch noch von anderen Elementen erzeugt, die die Handlung anreichern und einen authentischen Eindruck hervorrufen. Es sind die Details, die den Unterschied machen. Das wusste auch schon der Zeichentheoretiker Roland Barthes, als er sich 1968 in „Der Wirklichkeitseffekt“ darüber Gedanken machte, welche Funktion scheinbar unnötige, also die Handlung nicht unmittelbar vorantreibende, Ausschmückungen in literarischen Texten haben. Wenig überraschend die Antwort: Sie tragen zur Atmosphäre, zu einem ganzheitlichen Bild im Kopf des Lesers bei. Genau das unterscheidet Romane schließlich von trockenen Sachtexten. Diese genaue, bildhafte Beschreibung nennt man Ekphrasis, und als Beispiel für den Wirklichkeitseffekt führt Barthes die Sequenz in Gustave Flauberts „Madame Bovary“ an, in der „die ganze Beschreibung darauf hinkonstruiert ist, Rouen einem Gemälde anzugleichen.“5 Die Worte im Roman erzeugen ein so detailliertes Bild von der Stadt, als sähe der Leser gerade ein Gemälde an. Und das ist für die Handlung von „Madame Bovary“ vollkommen irrelevant, trägt aber zu einer realistischen und, sofern man mit dem Stadtbild von Rouen vertraut ist, authentischen Wahrnehmung der Geschichte bei.

Es fällt nicht schwer, dieses Mittel auf historische Romane zu übertragen, denn es wird auch in unserem Genre vielfach gelungen eingesetzt. Die Beschreibung von Orten, deren Monumente wir heute vielleicht sogar noch aus eigener Anschauung kennen, lässt die Vergangenheit gleich viel authentischer aufleben. Und das gilt natürlich auch für Kleidung, Gegenstände und nicht zuletzt Alltagshandlungen, denn gerade weil uns die Vergangenheit in vielen Punkten doch nicht so geläufig ist wie unsere eigene Zeit, benötigen wir diese Details, um uns besser hineinversetzen zu können. Auch hier ist selbstredend die tiefgehende Recherche der Autoren gefragt, eingestreut werden sollen diese Beschreibungen aber besser wieder scheinbar mühelos, sodass sie an den entsprechenden Stellen ganz natürlich und nicht konstruiert wirken. Dann entsteht vor dem inneren Auge der Leser ein Bild der Vergangenheit, das realistisch ist, seine Gemachtheit verdeckt und – authentisch ist?

Authentisch oder nicht authentisch, ist das die Frage?

Authentizität ist mit Sicherheit keine taugliche, allgemeingültige Bewertungskategorie, jedenfalls nicht für einen historischen Roman (finde ich). Für mich stellt sich das „authentische Gefühl“ beim Lesen historischer Romane aus vielen einzelnen Komponenten zusammen, und das kann auf vielerlei Weise mit unterschiedlichen Gewichtungen erreicht werden. Am Ende zählt das Gesamtpaket, und das ist ganz klar vom subjektiven Blick des jeweiligen Lesers abhängig. Ich glaube, dass man leichter in die Geschichte hineingezogen wird, wenn sie sich authentisch anfühlt. Und wenn man von einem historischen Roman so gefesselt ist, dass man ihn erlebt, anstatt ihn als Text wahrzunehmen, ist dann auch wieder das eigentlich paradoxe Ziel der darstellungslosen Darstellung irgendwie erreicht.


 

  1. Susanne Knaller: Genealogie des ästhetischen Authentizitätsbegriffs, in: Dies., Harro Müller (Hgg.): Authentizität. Diskussion eines ästhetischen Begriffs, München 2006, S. 17-35, hier S. 17-19.
  2. Christian Strub: Trockene Rede über mögliche Ordnungen der Authentizität. Erster Versuch, in: Jan Berg, Hans-Otto Hügel und Hajo Kurzenberger (Hgg.). Authentizität als Darstellung. Medien und Theater, Bd. 9, Hildesheim 1997, S. 7-17, hier S. 9
  3. Christian Strub: Trockene Rede über mögliche Ordnungen der Authentizität. Erster Versuch, in: Jan Berg, Hans-Otto Hügel und Hajo Kurzenberger (Hgg.). Authentizität als Darstellung. Medien und Theater, Bd. 9, Hildesheim 1997, S. 7-17, hier S. 8-9
  4. Kristof Rouvel: Zur Unterscheidung der Begriffe Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Authentizität, in: Jan Berg, Hans-Otto Hügel und Hajo Kurzenberger (Hgg.). Authentizität als Darstellung. Medien und Theater, Bd. 9, Hildesheim 1997, S. 216-226.
  5. Roland Barthes: Der Wirklichkeitseffekt, in: Ders.: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV, Frankfurt am Main 2006, S. 164-172, hier S. 168.

2 Gedanken zu „Authentizität in historischen Romanen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.