Ausschnitt aus dem Cover des Romans "Odéonia, Paris" von Veneda Mühlenbrink

Zwei Frauen, zwei Buchläden | Veneda Mühlenbrink: Odéonia, Paris

Sylvia Beach und „Ulysses“

Wer schon einmal am linken Seine-Ufer in Paris durch die Straßen flaniert ist, kennt vielleicht den urigen, englischsprachigen Buchladen „Shakespeare and Company“. In seiner jetzigen Form wurde das Geschäft 1951 von George Whitman gegründet und ist heute eine Anlaufstelle für Literaturbegeisterte und Touristen. Doch die Geschichte von „Shakespeare und Company“ beginnt viel früher. Die Amerikanerin Sylvia Beach gründete den Laden 1919 und wurde damit zu einem Zentrum der literarischen Avantgarde. Ihre Lebensgefährtin Adrienne Monnier betrieb ein Geschäft für französische Literatur in unmittelbarer Nähe, und Sylvia Beach veröffentlichte 1922 den Jahrhundertroman „Ulysses“ von James Joyce. Die Erlebnisse der beiden Ausnahmefrauen finden in Veneda Mühlenbrinks „Odéonia, Paris“ ihre literarische Verarbeitung.

[Einige der hier geschilderten Informationen kommen natürlich auch im Roman vor. Wer nicht gespoilert werden will: Hier geht es direkt zur Rezension.]

1. Eine Amerikanerin in Paris

Sylvia Beach hat im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester beim Roten Kreuz gearbeitet und ist zurück in Paris. Der Krieg ist gerade beendet, sie liebt das Leben, die Gesellschaft und die Bücher. Als sie über die Schwelle eines kleinen Buchladens tritt und einer anderen resoluten jungen Frau begegnet, sind die Weichen für ihr zukünftiges Leben gestellt.

Sylvia Beach wurde 1887 in eine presbyterianische Pfarrersfamilie geboren und lernte Frankreich erstmals um 1902 kennen, als ihre Eltern mit ihr und ihren Geschwistern für eine Weile nach Paris zogen. Den Kunstsinn hatte sie ebenso von ihrer Mutter geerbt wie den Freiheitsdrang.1 Als junge Frau kehrte Sylvia mehrmals nach Europa zurück, bereiste auch Spanien und Italien. Bücher hatte sie dabei immer im Gepäck, was ihre frühen Briefe beweisen. Sie träumte ihrer eigener Aussage gemäß schon länger von einer eigenen Buchhandlung, es fehlte ihr aber noch an einem Konzept. Während des Ersten Weltkrieges war Sylvia abenteuerlustig und arbeitete unter anderem in der Landwirtschaft in Frankreich und beim Roten Kreuz in Serbien, bevor sie 1919 in Paris sesshaft wurde.2

Sylvia Beach in ihrem Buchladen, bevor sie "Ulysses" verlegte.
Sylvia Beach in ihrem Buchladen. (Bildquelle3)

Im Roman kommt es erst nach dem Kriegsende zur ersten Begegnung zwischen Sylvia Beach und Adrienne Monnier. In der Realität trafen sie sich wohl bereits um 1917. Adrienne, von Sylvia als herzenswarm und lebensfroh beschrieben, führte in der Rue de l’Odéon die Buchhandlung „La Maison des Amis des Livres“ und war auch selbst schriftstellerisch tätig. Bei Sylvias erstem Besuch stellten die beiden jungen Frauen sogleich fest, dass sie auf einer Wellenlänge waren – und sie blieben es auch. Sylvia Beach hält die folgenreiche Begegnung in ihren Memoiren (die Adrienne gewidmet sind) fest:

„I like America very much“, she said. I replied that I liked France very much. And, as our future collaboration proved, we meant it.4

Adrienne Monnier versammelte in ihrem Geschäft Autoren und Leser, oft wurde aus noch unveröffentlichten Texten vorgelesen. Sylvia Beach war in der Anfangszeit die einzige Amerikanerin, die an diesem literarischen Leben in der Rue de l’Odéon teilnahm. Nach eigener Aussage wäre sie ohne diese Bekannt- und Freundschaften später niemals so erfolgreich geworden.5 1919 eröffnete sie nämlich ihre lang ersehnte eigene Buchhandlung.

2. Die „Lost Generation“ – der Nährboden für „Ulysses“

Paris war schon immer eine recht gute Adresse für Künstler (oder solche, die es werden wollten). Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Szene dort aber einen richtiggehenden Boom: Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich eine künstlerische Avantgarde entwickelt. Ein wichtiger Treffpunkt war der Salon der Mäzenin und Schriftstellerin Gertrude Stein und ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas, wo sich Maler wie Pablo Picasso und Henri Matisse, aber auch Literaten wie Scott F. Fitzgerald und Ernest Hemingway versammelten.

Die Literatin und Mäzenin Gertrude Stein - und die einzige Person in Beachs Umfeld, die "Ulysses" wirklich nicht mochte.
Gertrude Stein, 1913. (Bildquelle6)

All das spielte sich vermehrt am linken Ufer der Seine, der Rive Gauche, ab. Insbesondere kamen amerikanische Schriftsteller nach Paris, um sich dort literarisch zu entfalten. Gertrude Stein bezeichnete sie als „Lost Generation“, verlorene Generation, deren Suche nach Sinn und Stabilität sich auch in ihrem Schreiben niederschlug. Und Sylvia Beach wurde für deren Erfolg enorm wichtig, womit sie die literarische Moderne entscheidend prägte. Nach einem Kurzbesuch in London entschied sie, dass in der Tat Paris der Ort für die Gründung ihres Buchladens werden sollte.7 Neben Adrienne Monniers Expertise half ihr dabei vor allem eine kräftige Finanzspritze von ihrer Mutter. Sylvia sandte ihr ein kurzes, aber aussagekräftiges Telegramm: „Opening bookshop in Paris. Please send money“8. Daraufhin schickte Eleanor Beach ihrer Tochter all ihre Ersparnisse, und „Shakespeare and Company“ wurde geboren.

3. Sylvia Beach und „Shakespeare and Company“

Sylvia siedelte ihr Geschäft zunächst in der Rue Dupuytren 8 an, nur eine Straßenecke von Adrienne und „La Maison des Amis des Livres“ entfernt. 1921 zog sie in die Rue de l’Odéon 12 um, sodass die beiden Frauen ihre Geschäfte direkt gegenüber hatten. Adrienne kümmerte sich um die französischsprachige Literatur, während Sylvia Werke auf Englisch anbot. Damit war eine Anlaufstelle für die vielen Amerikaner (und Briten) geschaffen, die sich in Paris aufhielten. Viele Reisende gaben sogar die Adresse von „Shakespeare and Company“ in der Heimat an, sodass sich der Laden laut Sylvia Beach auch noch zu einer Poststelle entwickelte.9

Genau wie Adrienne aber begann Sylvia nicht allein mit dem Verkauf der Bücher: Ihr Laden fungierte gleichzeitig auch als Leihbibliothek. Viele Leser waren nach dem Krieg knapp bei Kasse, und besonders die importierte englischsprachige Literatur konnten sich viele nicht leisten. So konnte Sylvia schnell ihre Kunden an sich binden – auch, wenn ihr Ausleihsystem wohl auf etwas tönernen Füßen stand. In ihren Memoiren schreibt Beach, dass sie keinen Katalog führte, sondern die ausgeliehenen Titel nur auf der jeweiligen Karte in der Mitgliederkartei vermerkte. Wer wissen wollte, wo ein bestimmtes Buch abgeblieben war, musste also alle Karten durchsuchen.10 Trotzdem war das Konzept tragfähig – auch, weil viele Studenten der Sorbonne auf die Leihmöglichkeit zurückgriffen. Der wachsende Kundenstamm war ganz offensichtlich mit Sylvias fundierten Empfehlungen und ihrem Engagement zufrieden.11 Gerade in der Anfangsphase von „Shakespeare and Company“ suchten viele Franzosen ihren Laden auf, obwohl manche gar nicht genug Englisch konnten, um die Bücher wirklich zu lesen. Vermutlich war Sylvias Verbindung zu Adrienne Monnier ausschlaggebend: Beach schreibt in ihren Memoiren, dass sie einen Großteil ihres Erfolges der Unterstützung ihrer französischen Freunde verdankte, die sie durch Adrienne kannte.12

Ein perfektes Paar

Im Roman funkt es praktisch sofort, und Sylvia und Adrienne gehen eine leidenschaftliche und liebevolle Beziehung ein. Obwohl sie sehr verschieden sind, sind sie auf einer Wellenlänge und ergänzen sich perfekt – bei der Arbeit und privat.

Tatsächlich erlaubte die Atmosphäre der Zwischenkriegszeit nicht nur literarische Entfaltung, sondern auch Raum für sexuelle Orientierung und eine persönliche Entfaltung jenseits traditioneller Rollenbilder.13 Beispielsweise Gertrude Stein und Alice B. Toklas lebten offen als Paar zusammen. Konkrete Hinweise auf die Beziehung zwischen Sylvia und Adrienne finden sich in den Selbstzeugnissen und auch der (älteren) Forschungsliteratur nur spärlich – über das Liebesverhältnis wird sehr diskret gesprochen. Das ist vermutlich den gesellschaftlichen Restriktionen und vielleicht auch Sylvias puritanischer Erziehung geschuldet – daran, dass sie ein Paar waren, gibt es aber keinen Zweifel. In einem unveröffentlichten Entwurf ihrer Memoiren schreibt Sylvia: „My only love was really Adrienne.“14

Nach der Gründung von „Shakespeare and Company“ lebte Sylvia für elf Monate im Hinterzimmer ihres Ladens. Im November 1920 zog sie mit Adrienne zusammen, wo sie bis 1937 wohnte.15 Es gibt viele Berichte über Abendgesellschaften im kleineren Kreis, bei denen Schriftsteller zu Gast waren und Adrienne, eine begeisterte Köchin, für das leibliche Wohl sorgte.16 Um der Geschäftigkeit ihres Pariser Lebens zu entfliehen, verbrachten Sylvia und Adrienne oft Feiertage und Wochenenden auf dem Land südwestlich von Paris, wo Adriennes Eltern lebten.17 Und diese Pausen vom Alltag waren bitter nötig, denn Sylvia schaffte es, sich ein Projekt von literarischer Weltbedeutung aufzuhalsen: Die Veröffentlichung des Romans „Ulysses“ von James Joyce.

4. James Joyce und der Kraftakt „Ulysses“

Der irische Schriftsteller James Joyce lebte ab 1920 in Paris. Schon seit 1914 arbeitete er an „Ulysses“, einem enorm experimentellen Werk. Der Text nutzt das Stilmittel des Bewusstseinsstroms, es gibt also keinen Erzähler. Stattdessen folgt der Leser den bruckstückhaften Gedanken der jeweiligen Protagonisten, die sich nur durch ihre Sprache unterscheiden lassen. Der Leser muss sich darin zurechtfinden, was nicht einfach ist, da es außerdem zahlreiche Anspielungen und Bezüge gibt, die etwa die Antike (insbesondere die „Odyssee“ von Homer) und andere literarische Werke aufgreifen. „Ulysses“ gilt bis heute als schwer zu übersetzen und schwer zu lesen, ist aber ein bedeutender Klassiker der Weltliteratur und wird immer wieder in kanonische Listen aufgenommen, etwa die „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“. Nach Gott und Shakespeare habe Joyce am meisten geschaffen, befindet Wolfgang Hildesheimer in seiner Rezension.18

James Joyce, der Autor von "Ulysses".
James Joyce, 1915. Später sah man ihn oft mit einer Augenklappe. (Bildquelle19)

Was bis heute „den aktiven Leser fordert“20 und Leuten wie mir, die nicht Literaturwissenschaft studiert haben, Schauer über den Rücken jagt, war in den Zwanzigern erst recht eine beinahe ungeheuerliche Innovation. Ausschnitte des Werkes waren bereits in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden und hatten für massig Kritik gesorgt – nicht wegen des avantgardistischen Stils, sondern weil der bisweilen sehr explizite Inhalt als obszön empfunden wurde. Joyce und seine Unterstützer (darunter die Autorin und Frauenrechtsaktivistin Harriet Weaver) fanden deshalb keinen Drucker, der bereit gewesen wäre, das Buch herzustellen – aus Furcht vor der Obrigkeit.21

„Ulysses“ muss veröffentlicht werden

Hier kommt Sylvia Beach ins Spiel, die Joyce bei einer Party erstmals begegnete. Sie schreibt in ihren Memoiren, dass sie ihn schon vorher verehrte und bezeichnet ihn als „the greatest writer of my time“22. Schon am nächsten Tag besuchte Joyce „Shakespeare and Company“ und wurde Mitglied der Leihbibliothek. Laut Beach nagte es an ihm, dass die Aussichten auf eine Veröffentlichung von Ulysses schwanden, und so bot sie ihm kurzerhand an, das Buch zu verlegen – und er sagte ohne Umschweife zu.23

Das Cover der Originalausgabe von "Ulysses".
Die von Sylvia Beach verlegte Erstausgabe von „Ulysses“. Allein die Auswahl des perfekten Blautons war ein großes Drama, wie wir ihren Memoiren entnehmen können. (Bildquelle24)

Und wie schon bei der Gründung von „Shakespeare and Company“ war es der große Bekanntenkreis von Sylvia und Adrienne, der dem Projekt sofort zu Hilfe eilte: Wer in der Rue de l’Odéon ein und aus ging, bestellte mindestens ein Exemplar von „Ulysses“ vor – auch diejenigen Franzosen, die gar nicht genug Englisch konnten, wollten das Buch unterstützen.25 Lediglich Gertrude Stein, die in Joyce wohl einen Konkurrenten sah, war nicht begeistert und kündigte sogar für eine Weile ihre Mitgliedschaft bei „Shakespeare and Company“.26 Allerdings war „Ulysses“ noch nicht ganz fertiggestellt, und das Manuskript bescherte Sylvia Beach einige Sorgen. Joyce schrieb alles von Hand, sodass es Freiwillige (darunter Sylvias Schwester Cyprian) brauchte, um die noch fehlenden Kapitel abzutippen. Auch deshalb, weil Joyce, dessen Augenlicht schwand, teilweise kaum entzifferbaren Text lieferte.27 Außerdem schrieb Joyce die schon fertigen Druckfahnen oft nochmal um, sodass sie erneut gesetzt werden mussten.28

James Joyce konnte auch ein knallharter Geschäftsmann sein

In „Odéonia, Paris“ stellt Sylvias fast sklavische Besessenheit mit James Joyce und seinem „Ulysses“ eine große Belastung für ihre Beziehung zu Adrienne dar. Sylvia glaubt an das Werk und investiert all ihre Ressourcen, um Joyce die Fertigstellung zu ermöglichen. Adrienne ist eher der Ansicht, dass der Schriftsteller sie ausnutzt – und ein wenig eifersüchtig ist sie auch.

Das Buchprojekt war tatsächlich nicht nur mit Arbeit verbunden, sondern brachte Sylvia auch an ihre finanziellen Grenzen. Joyce war notorisch knapp bei Kasse, lebte aber gerne auf großem Fuß.29 Sylvia unterstützte ihn und seine Familie finanziell, neben ihrer Arbeit als Verlegerin und persönliche Assistentin. Dabei machte sie weder mit „Shakespeare and Company“ noch der Veröffentlichung von „Ulysses“ nennenswerte Gewinne. Für Sylvia war es genug, dass der Glanz des großen Schriftstellers auf sie abfärbte und sie mit ihm zusammenarbeiten durfte.30

In der Rue de l’Odéon weist eine Plakette auf Sylvia Beach und Ulysses hin. Von „Shakespeare and Company“ ist dort nichts mehr zu sehen. (Bildquelle31)

Adrienne stand der Sache, gleichwohl sie Sylvia nach Kräften unterstützte, offensichtlich kritischer gegenüber. Sie rückte ihm von Zeit zu Zeit den Kopf gerade, wenn er wieder Forderungen stellte.32 In der Tat aber entfremdeten sich Sylvia Beach und James Joyce in den Dreißigern, weil sich Sylvia die Rechte an der Veröffentlichung von „Ulysses“ in Amerika zu leicht abluchsen ließ. In ihren Memoiren klingt an, dass sich die Unternehmung für sie wirtschaftlich absolut nicht gelohnt hat und sie bei aller Verehrung für Joyce enttäuscht von seinem Verhalten war.33

5. Über „Shakespeare and Company“ hinaus

Nachdem das Kapitel „Ulysses“ für Sylvia mehr oder weniger beendet war, musste sie ihre ganze Energie in die Rettung von „Shakespeare and Company“ stecken. Die Weltwirtschaftskrise überstand sie wiederum nur durch die Hilfe ihrer Freunde.34 Auch das Verhältnis zu Adrienne veränderte sich: Als Sylvia 1937 von einem Aufenthalt in den USA nach Paris zurückkehrte, war die gemeinsame Freundin und Fotografin Gisèle Freund bei Adrienne eingezogen. Sylvia zog mit ihren Habseligkeiten über die Straße, in die Räume über „Shakespeare and Company“. Vermutlich endete die intime Beziehung zu Adrienne damit, die beiden blieben aber nach wie vor sehr eng miteinander verbunden – Sylvia war auch anwesend, als Adrienne 1955 starb.35

Ernest Hemingway, der Sylvia Beach freundschaftlich sehr verbunden war. (Bildquelle36)

„Shakespeare and Company“ wurde 1941 geschlossen. Sylvia stand als Amerikanerin unter scharfer Beobachtung der Nationalsozialisten, und sie entging der drohenden Zwangsräumung ihres Geschäfts, indem sie es selbst ausräumte und ihre Bücher in der Wohnung versteckte. Sylvia selbst wurde für sechs Monate interniert, bevor sie nach Paris zurückkehren durfte.37 1944 wurde Paris und damit auch die Rue de l’Odéon befreit – symbolisch von Ernest Hemingway persönlich.38

„Shakespeare and Company“ 2.0

Sie öffnete das Geschäft jedoch nicht wieder – die Zeit der „Lost Generation“ war vorüber. Stattdessen widmete sie sich ihren Memoiren, die im Jahr nach Adriennes Tod erschienen und ihr gewidmet sind. Ein anderer Buchladen in Paris trägt die Erinnerung jedoch weiter: Der Amerikaner George Whitman eröffnete 1951 in der Rue de la Bûcherie einen Buchladen. Er war mit Sylvia Beach bekannt und taufte das Geschäft 1964, zwei Jahre nach ihrem Tod, um. Der zweite „Shakespeare and Company“ wurde damit zum geistigen Nachfolger der ersten Buchhandlung und eine lebendige Erinnerung an Sylvia Beach und ihre literarischen Verdienste. Das urige Geschäft ist bis heute eine Anlaufstelle für Literaturliebhaber aus aller Welt und ein Muss für kulturell interessierte Touristen.

Sylvia würde sich wahrscheinlich darüber freuen, dass die Nachwelt sich auf diese Weise an sie und die Mittelpunkte ihres Lebens erinnert:

My ‚loves‘ […] were Adrienne Monnier and James Joyce and Shakespeare and Company.40

6. Rezension

Cover des Romans "Odéonia, Paris" von Veneda Mühlenbrink.
Veneda Mühlenbrink, Odéonia, Paris, Ulrike Helmer Verlag.

Eine liebe Freundin hat mir dieses Buch empfohlen, und es hat mich sofort interessiert – nicht nur, weil man ihren Ratschlägen trauen kann. Zwar wusste ich, dass es die Buchhandlung „Shakespeare and Company“ in Paris gibt und sie steht auch auf der Sightseeing-Liste für den nächsten Besuch, aber seine Geschichte und die von Sylvia Beach und Adrienne Monnier kannte ich nicht. Allein schon, weil die beiden in „Odéonia, Paris“ eine Bühne bekommen, würde ich den Roman empfehlen.

Abgedeckt wird beinahe die ganze Geschichte des Buchladens, von der ersten Begegnung zwischen Sylvia und Adrienne bis hin zum herannahenden Zweiten Weltkrieg. Sylvias wichtigste Mission ist zweifellos die Veröffentlichung von „Ulysses“, in die sie unheimlich viel Zeit und fast all ihr Geld steckt. Dieses Projekt konkurriert zunehmend mit ihrem Privatleben und stellt die Beziehung zu Adrienne auf eine Probe – das ist das Hauptmotiv des Romans und grundsätzlich sehr spannend zu lesen.

Um wirklich in die Tiefe zu gehen, hätte der Roman allerdings mindestens ein Drittel mehr Seiten vertragen. Viele Ereignisse werden relativ knapp und in einem eher distanzierten Erzählstil abgehandelt. Allein die erotischen Szenen bekommen mehr Details, die man sich aber auch zu anderen Aspekten gewünscht hätte: Was Adrienne und Sylvia anfangs zusammenbrachte, war schließlich die Liebe zur Literatur. Ich hätte gerne gelesen, wie sie öfter über die Bücher sprechen, mit denen sie sich umgeben, wie ihre Beziehung vielseitiger geschildert wird.

So rast man förmlich durch die Jahre, die für die Literaturgeschichte und die beiden Frauen so prägend waren, und wünscht sich öfters ein Innehalten – um Sylvia und Adrienne besser kennenzulernen, um das Milieu der „Lost Generation“ noch eindrucksvoller zu erleben und in diese faszinierende Zeit zurückzureisen. Zweifellos wollte sich die Autorin weitgehend an die überlieferten Ereignisse halten: Es ist eindeutig, dass sie akribisch recherchiert und neben der Sekundärliteratur auch die Selbstzeugnisse von Beach und Monnier gelesen hat – viele kleine Begebenheiten und Anekdoten wurden in den Roman übernommen. Trotzdem hätte sich Veneda Mühlenbrink meiner Ansicht nach ein paar Freiheiten nehmen und sich noch stärker in das Innere der Protagonistinnen hineinversetzen können – sie tut das eher ansatzweise, es hätte den Roman aber lebendiger und mitreißender gemacht.

So wirft „Odéonia, Paris“ eher Schlaglichter, anstatt wirklich tief in die Künstlerszene der Rive Gauche einzutauchen, und ist rasch durchgelesen. Trotzdem hat es mich unterhalten und vor allem mit einer Geschichte bekanntgemacht, von der ich zuvor nichts wusste. Damit ist der Roman eine tolle Einstiegslektüre für die Beschäftigung mit Sylvia Beach und Adrienne Monnier – danach sollte man am besten direkt die biographischen Schriften der beiden Damen selbst lesen.

Veneda Mühlenbrink: Odéonia, Paris, erschienen im Oktober 2016 im Ulrike Helmer Verlag.

>>Link zum Verlag<<

***

  1. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 21-22.
  2. Keri Walsh (Hg.): The Letters of Sylvia Beach, New York, 2010, S. XVII.
  3. Sylvia Beach, Foto: Unbekannt, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37088766, Zugriff am 26.07.2020.
  4. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 12
  5. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 13-14.
  6. Gertrude Stein, Foto von Alvin Langdon Coburn, 1913, George Eastman House – originally posted to Flickr as Gertrude Stein, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10962853, Zugriff am 26.07.2020.
  7. Sylvia Beach an Eleanor Orbison Beach, 27. August 1919, in: Keri Walsh (Hg.): The Letters of Sylvia Beach, New York, 2010, S. 75
  8. „Eröffne einen Buchladen in Paris. Bitte schicke Geld“, in: Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 17
  9. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 23.
  10. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 21.
  11. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 44.
  12. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 14.
  13. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 169.
  14. Zitiert nach Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 79.
  15. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 73-74.
  16. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 189.
  17. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 231.
  18. Wolfgang Hildesheimer: Ulysses, in Die Zeit Nr. 07/1979, https://www.zeit.de/1979/07/ulysses.
  19. James Joyce, Foto von Alex Ehrenzweig, 1915, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53876355, Zugriff am 26.07.2020.
  20. Wolfgang Hildesheimer: Ulysses, in Die Zeit Nr. 07/1979, https://www.zeit.de/1979/07/ulysses.
  21. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 69.
  22. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 34-37.
  23. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 47.
  24. Cover der Erstausgabe von James Joyces‘ „Ulysses“, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=477961, Zugriff am 26.07.2020.
  25. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 50-51.
  26. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 126-127.
  27. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 64-65.
  28. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 58.
  29. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 108.
  30. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 129-130.
  31. Plakette in der Rue de l’Odéon, von AndreasPraefcke, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9018553, Zugriff am 26.07.2020.
  32. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 316-317.
  33. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 201-206.
  34. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 354-356.
  35. Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 367.
  36. Ernest Hemingway, 1939, Lloyd Arnold, http://www.phoodie.info/2013/07/19/from-the-desk-of-ernest-hemingway-this-weekend-cuba-libre-celebrates-my-birthday/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1456168, Zugriff am 26.07.2020.
  37. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 216-217.
  38. Sylvia Beach: Shakespeare and Company, New York, 1959, S. 218-220.
  39. Fotos: Shakespeare and Company, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
  40. Zitiert nach Noel Riley Fitch: Sylvia Beach and the Lost Generation. A History of Literary Paris in the Twenties and Thirties, New York, London, 1983, S. 367.

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