Knick in der Optik? | Titus Müller: Die Brillenmacherin

Die Erfindung der Brille

Im abenteuerlichen Roman „Die Brillenmacherin“ von Titus Müller geht es um gleich zwei spannende historische Themen: Das frühe Optikerhandwerk und die vorreformatorische Bewegung der Lollarden, die eine englische Bibelübersetzung herausbringen wollten. Wir konzentrieren uns heute auf die Erfindung der Brille, ohne die viele von uns mit Sicherheit ziemlich aufgeschmissen wären.

1. Die Zeit vor der Brille

Heutzutage sitzen wir oft den Großteil unserer Zeit (mit Brille) unter künstlichem Licht und klagen – vor allem in Städten – über Lichtverschmutzung. In der Vergangenheit hatten die Menschen oft ein gegensätzliches Problem: Der Tagesrhythmus richtete sich im Wesentlichen nach dem natürlichen Licht. Wer nach Einbruch der Dunkelheit (die natürlich deutlich finsterer war als in der Gegenwart) noch lesen oder arbeiten wollte, musste auf diffuses Kerzenlicht zurückgreifen, was die Augen beeinträchtigte. Und wer dazu noch eine Sehschwäche hatte oder bereits in ein höheres Alter gekommen war, hatte erst recht das Nachsehen. Viele Gelehrte, von denen wir Zeugnisse besitzen, klagten über den Verlust ihrer Sehkraft, beispielsweise Cicero oder Seneca im alten Rom. Cicero löste das Problem, indem er sich von seinen Sklaven vorlesen ließ.

Kaiser Nero und die Sonnenbrille

Die römische Antike wurde lange als Ursprung der Brille gehandelt, denn Plinius der Ältere schrieb im ersten Jahrhundert nach Christus, der berüchtigte Kaiser Nero hätte beim Beobachten der Gladiatorenkämpfe Smaragde vor Augen gehabt.1 Was bisweilen als Hinweis auf eine Sehhilfe missverstanden wurde, kann gar nicht funktioniert haben, denn laut Plinius handelte es sich um ungeschliffene Steine. Nero war ja beileibe ein Exzentriker – da passt es wohl, dass er wahrscheinlich die Erfindung der Sonnenbrille für sich verbuchen kann.2 Bis die Leute zumindest etwas Abhilfe für ihre Sehschwächen hatten, dauerte es aber noch eine ganze Weile.

Büste Kaiser Neros mit einer Sonnenbrille (die Brille ist eine Montage).
Nero – ein Trendsetter? (Bildquelle3)

Im Mittelalter gab es erste Vorläufer, die aber eher wie Lupen funktionierten: sogenannte Lesesteine, die auf der einen Seite gewölbt waren und zur Vergrößerung auf die Bücher gelegt werden konnten. Die waren noch nicht aus Glas, sondern aus einem Mineral namens Beryll – ihr dürft nun raten, woraus sich das Wort „Brille“ entwickelt hat… Das Wissen über die Wirkung solcher Steine stammt aus dem 1021 von dem arabischen Mathematiker Ibn al-Haitem verfassten Buch Schatz der Optik und wurde der westlichen Welt Ende des 12. Jahrhunderts bekannt, als Mönche das Werk ins Lateinische übersetzten.4

Ein Lesestein, der Schrift vergrößert (um 1900).
Diese moderne Foto zeigt einen Lesestein, der im Mittelalter schon genauso funktionierte. (Bildquelle5)

2. Die Geburt der Nietbrille

Heute kauft natürlich niemand mehr eine Sehhilfe aus Beryll – meistens sind unsere Brillen aus Kunststoff oder klassisch aus Glas gefertigt. Das musste man aber erstmal in entsprechender Qualität zur Verfügung haben.

Durchsichtiges Glasgefäß aus Venedig.
Durchsichtiges Glas aus Murano bei Venedig, hergestellt um 1500. (Bildquelle6)

Glas und der Durchbruch der Brille

Glas konnte man in Europa zwar schon im Mittelalter herstellen, es hatte aber eine leicht grünliche Färbung, die wohl gut zu Neros Sonnenbrillen-Style gepasst hätte. Das durchsichtige Kristallglas dagegen war die Spezialität der Venezianer, die diese Technik sorgsam hüteten. Wer die Kunst der Glasherstellung auf der noch heute dafür berühmten Insel Murano erlernt hatte, durfte bei Strafe nicht mehr aus Venedig auswandern. Dennoch ließ sich nicht verhindern, dass sich das Wissen langsam in ganz Italien und dann auch jenseits der Alpen verbreitete. Die neuen und besseren Augengläser bedeuteten aber noch lange nicht die Geburtsstunde der Brille, denn die roidi da ogli, „Scheiben für die Augen“, musste man sich noch mühsam mit beiden Händen vors Gesicht halten und etwa zum Umblättern ablegen.7 Was läge da näher als… ein Gestell?

Gemälde von Papst Leo X., der zwar keine Brille, aber eine Leselupe in der Hand hält.
Wenn man erst einmal darauf achtet, findet man die Sehhilfen in vielen historischen Gemälden. Papst Leo X. etwa hält hier eine Leselupe in der Hand. (Bildquelle8)

Auf die Nase mit der Brille

England im Jahr 1387. Catherine Rowe ist mit einem der besten Brillenmacher weit und breit verheiratet, und sie täte nichts lieber, als sich selbst dem Schleifen der Augengläser zu widmen. Aber als Frau muss sie sich damit begnügen, hölzerne Fassungen zu schnitzen und Elias über die Schulter zu blicken. Der arbeitet für hohe Herren wie Thomas Latimer und versucht, dessen Fehlsichtigkeit zu korrigieren. Nicht einfach, denn während man der Weitsichtigkeit bereits abhelfen kann, weiß Elias nicht, wie man eine Brille schleifen muss, damit sie gegen Kurzsichtigkeit hilft.

Die früheste bekannte Darstellung eines Brillengestells findet sich im Kloster San Nicolò bei Venedig: Der Kardinal Hugo von St. Cher trägt eine sogenannte Nietbrille. Zwei Fassungen, meistens aus Holz, hielten die Gläser und waren in der Mitte zusammengenietet, sodass man sie sich auf die Nase setzen konnte. Eine solche Brille nebst Schachtel kostete „den Gegenwert von 15 Karat Gold“9 und war damit immens teuer. Aber die Technik des Brillenmachens war, wie der Dominikaner Giordano da Pisa 1305 in einer überlieferten Predigt sagte, „eine der besten und notwendigsten Künste, über die die Welt verfügt“10. Und wie bei den meisten guten und notwendigen Erfindungen gibt es auch einen Streit darüber, wer die Idee eigentlich zuerst hatte.

Die Brille: ein modisches Accessoire

Dieser Apostel trägt eine Brille.
Der sogenannte „Brillenapostel“ auf einem Altargemälde der Stadtkirche Bad Wildungen. 1403 waren die Sehhilfen also nördlich der Alpen angelangt. (Bildquelle11)

Pisa und Florenz waren in vielerlei Hinsicht konkurrierende Städte, und es verwundert nicht, dass seit dem späten Mittelalter darüber diskutiert wird, wer die Brille erfunden und wer sie nur kopiert hat – und zwar bis heute. Der Streit fand auch Eingang in die Literatur: Umberto Eco dichtet den Protagonisten seines Mittelalterromans Der Name der Rose einen Wortwechsel darüber an. Als sich das „Brillenbusiness“ dann etabliert hatte, waren es die Florentiner, die die besten konvexen Gläser (gegen Altersweitsichtigkeit) herstellten, während die Venezianer die besten konkaven Scheiben (gegen Kurzsichtigkeit) anfertigten.12

Ein Mann kauft eine Brille in einem Geschäft, 17. Jahrhundert.
Das Geschäft eines Brillenmachers, Kupferstich von 1698. (Bildquelle13)

Trotzdem blieb das Brillentragen natürlich der gelehrten Elite vorbehalten und stellte damit auch ein Statussymbol dar. Nach der Erfindung des Buchdrucks um die Mitte des 15. Jahrhunderts stieg die Nachfrage aber dennoch stark an, und bis heute sind viele Darstellungen von Brillenträgern erhalten. Die Benutzung der Nietbrillen blieb trotzdem etwas umständlich, da sie auf manch einer Nase keinen richtigen Halt hatte und immer noch zumindest mit einer Hand fixiert werden musste.

Im Roman beweist Catherine nicht nur, dass sie selbst sehr talentiert im Gläserschleifen ist, sie muss bald darauf für nicht weniger als ihr Leben einstehen. Denn Elias war in ein Komplott verwickelt, das sich bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft zieht. Als Catherine ihn eines Tages ermordet auffindet, schwört sie nicht nur, ihn zu rächen – sie wird auch selbst zum Unterpfand eines Händels, der die gesamte Ordnung ins Wanken bringen könnte. Dass sie etwas von Optik versteht, hilft ihr manches Mal aus der Affäre.

3. Praktische Weiterentwicklungen der Brille

Beim Lesen und Schreiben die Hände frei zu haben, ist ein unbestreitbarer Vorteil, und so gab es schon im 15. Jahrhundert „klare Empfehlungen, bei Benutzung einer Brille eine Mütze aufzusetzen und an dieser die Brille anzuhaken oder anzubinden“14. Die Jahrhunderte hindurch entwickelten sich noch andere Formen, etwa die Stirnreifenbrille, der Zwicker, das Lorgnon oder das stylishe Monokel.

Man konnte die Brille auch am Hut befestigen, wie diese Frau in einem Holzschnitt.
Dieser Stich zeigt eine Frau, die eine sogenannte „Mützenbrille“ an der Kopfbedeckung trägt. (Bildquelle15)

Es dauerte also tatsächlich 500 Jahre, bis im 18. Jahrhundert endlich eine Brille entwickelt wurde, die man mit Bügeln hinter den Ohren befestigen konnte. Eine ziemlich Erleichterung!

4. Rezension

Titus Müller, Die Brillenmacherin, Heyne.

Von dem Dauertrend, irgendwelche absurden Berufsbezeichnungen als Romantitel zu verwenden, lasse ich mich inzwischen nicht mehr so schnell abschrecken – oft verbergen sich dahinter doch sehr vielseitige Geschichten. Auch in „Die Brillenmacherin“ geht es um weit mehr als die Herstellung von Augengläsern: Für die Verschwörung, in die Catherine gerät, sind die Lollardenbewegung und die Wycliff-Bibel mindestens genauso wichtig (und sie sollen irgendwann einen eigenen Artikel bekommen).

Dass sich eine Witwe unter Umständen im Gewerbe ihres Mannes behaupten kann, haben wir schon im Beitrag über „Die Herrin der Lettern“ gelernt, und auch in diesem Roman ist das (einigermaßen) glaubwürdig beschrieben. Wirkliche Sicherheit hat Catherine, die eher einer Einzelkämpferin gleicht, aber trotzdem nicht – es ist also recht realistisch, dass sie als alleinstehende Frau leicht zum Spielball der konkurrierenden Mächte wird. Auch, dass sie in Gottesfurcht erzogen wurde und deshalb leicht manipulierbar ist, fand ich angesichts der damaligen Situation angemessen geschildert. Trotzdem erschien sie mir manchmal geradezu sprunghaft in ihren (nicht immer klugen) Entscheidungen und trug ihr Herz auch dann noch auf der Zunge, als sie schon mehrfach vom Regen in die Traufe gekommen war. So nimmt es einen fast wunder, dass sie die Geschichte überhaupt übersteht. Auch die Ritter und ihr Gefolge fand ich nicht vollständig glaubwürdig gezeichnet, obwohl einige interessante Charakterzüge angelegt waren.

Wenngleich die Story einige Schwächen beinhaltet, war „Die Brillenmacherin“ eine kurzweilige Lektüre mit zwei interessanten Hintergrundthemen. Über die Herstellung von Brillen hatte ich zuvor noch in keinem Roman so viel erfahren, und auch die Lollardenbewegung ist interessant eingebunden – sich damit eingehender zu befassen, lohnt sich ebenfalls. Es handelt sich also um einen durchaus lesenswerten historischen Roman, wenn man bereit ist, der Handlung das viele Hin und Her zu verzeihen.

Titus Müller: Die Brillenmacherin, neu erschienen im Januar 2020 im Heyne Verlag.

>>Link zum Verlag<<

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  1. Gerhard Kühn und Wolfgang Roos: Sieben Jahrhunderte Brille (Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte, 36. Jahrgang 1968/Heft 3), S. 6.
  2. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 8.
  3. Büste Kaiser Neros in der Glyptothek München, Foto von Bibi Saint-Pol, 2007-02-08, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1814923, Zugriff am 20.05.2020. Eigene Bearbeitung.
  4. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 9-10.
  5. Lesestein, Foto von Hedwig Storch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6053757, Zugriff am 30.05.2020.
  6. Glasware im Museum von Murani, Foto von Vassil, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40683583, Zugriff am 30.05.2020.
  7. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 16-17.
  8. Raffael: Leo X. und zwei Kardinäle, http://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/raphael/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162539, Zugriff am 30.05.2020.
  9. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 18.
  10. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 18.
  11. Conrad von Soest, Altarbild, http://www.badwildungen.de/altar/foto6.html, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1844015, Zugriff am 30.05.2020.
  12. Stefana Sabin: AugenBlicke. Eine Kulturgeschichte der Brille, Göttingen 2019, S. 20-23.
  13. Stich von Christoph Weigel in der „Abbildung der gemein-nützlichen Hauptstände“ von 1698, Houghton Library, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34139639, Zugriff am 30.05.2020.
  14. Gerhard Kühn und Wolfgang Roos: Sieben Jahrhunderte Brille (Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte, 36. Jahrgang 1968/Heft 3), S. 21-22.
  15. Holzschnitt von Tobias Stimmer: Die Lebensalter der Frauen, zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, gemeinfrei, http://www.zeno.org/nid/20004313046, Zugriff am 30.05.2020.

2 Gedanken zu „Knick in der Optik? | Titus Müller: Die Brillenmacherin

    • Lea

      Gerne! Die muss ich mir wohl auch mal ansehen, ich habe hier gerade noch „Die Jesuitin von Lissabon“ liegen.
      Liebe Grüße
      Lea

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